Keine Angst vor Kitsch

Die fünf Rapper von Erotik Toy Records feiern im ausverkauften Lagerhaus

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Die Herren von Erotik Toy Records können über sich selbst lachen.

Bremen - Von York Schaefer. Nun also auch noch „Arte Tracks“: Mehr Anerkennung geht wohl kaum. Das TV- und Webmagazin für avancierte Popkultur ist extra nach Bremen gekommen, um die Labelnacht von Erotik Toy Records im selbstverständlich ausverkauften Lagerhaus zu begleiten. Da für das Fernsehen natürlich immer ein bisschen inszeniert wird, soll das eh schon aufgeheizte Publikum für den letzten Song noch mal ordentlich Noise machen, sprich: ordentlich laut sein.

Also stimmt man in voller Sextett-Besetzung mit fünf Rappern und Produzent Florida Juice den Song „Wo ist das Geld?“ von Tightill und Doubtboy an. Einer der Songs, mit dem der aktuelle Ruhm – „Fame“ wie man im Rap sagen würde – des Bremer Musikerkollektivs begann und in dem sich vieles wiederfindet, was den Sound von Erotik Toy Records so besonders macht in der deutschen Hiphop-Szene.

Der Track ist eine nasal genölte Kapitalismuskritik zu samt-weichen Snares mit melancholischem Duktus und strahlt eine Sensibilität aus, die man im hypermaskulinen Gebaren vieler Deutschrapper vergeblich sucht. Nicht umsonst nennen sich Tightill, Doubtboy, Skinnyblackboy, Yung Meyerlack, Jay Pop und Florida Juice die „most sensitive crew alive“. Ein Haufen sympathischer und trotzdem cooler Schluffis, die mit ihrer stilistisch offenen Mischung aus Rap, Disko, House, Baile Funk und sogar Punkrock auch Bremen wieder ganz dick auf der deutschen Rap-Landkarte platziert haben.

Hiphop-Magazine wie „Juice“ und andere waren schon zu Besuch, um mit Tightill und Konsorten im „Viertel“ abzuhängen, Erotik Toy Records durfte im Berliner Techno-Tempel Berghain auftreten, wo man von Deutschrap sonst nicht so viel hält.

Jay Pop macht den Anfang am Freitag im Lagerhaus. „Herzlich Willkommen bei Erotik zu Hause“, begrüßt er das studentisch geprägte, aber doch bunte Bremer Publikum aus Sprayern, Skatern, Hipstern, vielleicht ein paar Fußball-Ultras und vielen jungen Frauen – was aber auf derartigen Konzerten schon länger nicht mehr ungewöhnlich ist.

Auch Jay Pop liefert Kapitalismuskritisches, „Scheiß Money“ heißt der Song, auch hier wieder mit eher sanfter Stimme vorgetragen. Yung Meyerlack beschwört die „Cocaine Love“ und dass er sein eigener Boss ist – ein typisches Statement für Erotik Toy Records, das Anfragen von den großen Playern wie Red Bull (hier wegen der Nähe zu rechtem Gedankengut) abgelehnt hat. Man macht lieber sein eigenes Ding im überschaubaren Bremen. Zumindestens noch.

Bei Skinnyblackboy steigt der Energiepegel auf der Bühne und im Saal, sein Rapstil und auch die Beats von Hausproduzent Florida Juice sind wuchtiger, der Popeinfluss weniger ausgeprägt als bei seinen Labelkollegen.

Erotik Toy Records eilt der Ruf eines Hangs zum Chaos voraus, dafür ist der Ablauf des Abends erstaunlich geordnet. Jeder bekommt seine 20 Minuten, als letzter ist Tightill dran, mit Ende 20 so etwas wie der Grandseigneur der Gruppe. Nach neun Jahren in Barcelona, Zürich und Berlin ist er in seine Heimat Bremen zurückgekehrt. Unter anderem wegen seiner Mutter, wie er in einem Interview gesagt hat. „Mann, ich kann nicht in den Knast / Ich hab Mama so doll lieb“, rappt er typisch näselnd im amüsanten, aber trotzdem ernst gemeinten Song „Schwedische Gardinen“. Über sich selbst lachen zu können ist auch so eine Stärke der Erotik-Toy-Crew. Die typischen Verhaltensmuster von Rap-Konzerten gibt es kaum. Publikumsspielchen wie das ständige „Ich will eure Hände sehen“ vermisst niemand.

Nach den Solo-Auftritten der fünf Rapper und bevor alle zusammen loslegen, grölt man gemeinsam „Angels“ von Robbie Williams mit Florida Juice an der akustischen Gitarre. Ein seltsamer Bruch, aber der angstfreie und respektlose Hang zum Kitsch ist auch Teil des künstlerischen Profils von Erotik Toy Records.

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