Raimer Jochims zeigt in der Galerie am schwarzen meer und im KunstRaum Rückertstraße Bilder und Zeichnungen

Keine Angst vor der Farbe

Wie aus einer anderen Welt: Die Bremer Galerie am schwarzen meer zeigt Werke von Raimer Jochims.

Von Anja KümmelBREMEN (Eig. Ber.) · „angst vor der farbe – angst vor dem leben.“ Diese Arbeitsnotiz aus dem Jahr 1995 mag einem kunstinteressierten Laien zunächst kryptisch oder allzu esoterisch erscheinen.

In jedem Fall trifft sie die Kernaussage der Werke von Raimer Jochims: Kunst als Lebensform zu verstehen. Ebenso wie diese Notiz erschließen sich die Bilder demjenigen, der die Ausstellung zum ersten Mal betritt, erst allmählich. Schnell wird klar, dass es hier nicht um das passive Konsumieren von Kunst geht, sondern um ein wechselseitiges Sich-Einlassen.

Im Mittelpunkt steht die Farbe, in ihrer dynamischen Wechselbeziehung zur Form. Ihre intensive Strahlkraft fällt, selbst bei den gut gefüllten Ausstellungseröffnungen, sogleich ins Auge: Farben, die fließend ineinander übergehen, Farben, die in zunächst unauflöslich scheinendem Kontrast zueinander stehen. Auf den ersten Blick sehen die Artefakte aus wie etwas aus einer anderen Welt, archaisch und futuristisch zugleich. Bunte Ufos, oder doch eher prähistorische Fundstücke? Dies in der Schwebe zu halten, der Interpretation des Betrachters zu überlassen, ist Programm der ungewöhnlichen Doppelschau.

Was man sieht, sind unregelmäßig geformte Spanplatten, an den Rändern ein bisschen ausgefranst, die vollständig mit Acrylfarbe bedeckt sind. Zu behaupten, die Objekte „hingen“ an der Wand, wäre nicht ganz zutreffend – vielmehr entsteht der Eindruck, als schwebten sie, gehalten von der exakt kalkulierten Spannung zueinander. Zudem sind die Trägerobjekte mit einem geringen Abstand zur Wand befestigt, was das Gefühl von Mehrdimensionalität noch verstärkt. Ihre Anordnung im Raum und die Ausrichtung zueinander sind essentiell. Ute Seifert drückt es in ihrer Einführungsrede so aus: „Die Bilder von Raimer Jochims sind nicht Bilder von etwas, sondern von Beziehungen zu etwas. Beziehungen der Farben untereinander, Beziehungen zu Umfeld und Raum, Beziehungen zu mir als Mensch.“ Der Künstler selbst notierte 1998: „meine bilder bewegen sich nach den vier seiten, in die tiefe und nach vorn.“

Die komplexen Farbverläufe, die vielfältig differenziert ineinander übergehen, mit Hell-Dunkel und Warm-Kalt-Kontrasten spielen, sind eher sinnlich als intellektuell erfassbar. Etwas Ahistorisches, fast Mystisches haftet ihnen an. Der 1935 in Kiel geborene Künstler spricht von „archaischen Farberfahrungen“, die er in seinen Bildern vermitteln möchte. Jochims studierte Kunstgeschichte und Philosophie und war lange Jahre Lehrbeauftragter an den Kunstakademien Karlsruhe und München. Aufgrund dieser Vorbildung tritt er nicht nur mit seinem eigenen künstlerischen Schaffen in Erscheinung, sondern ist zugleich, wie Tilman Rothermel in seiner Eröffnungsrede betont, „ein exzellenter Interpret und Deuter in Sachen Kunst“.

Mit den beiden Organisatoren der Doppelausstellung pflegt Jochims eine langjährige persönliche Beziehung. Im Vordergrund steht weniger der schnelllebige Charakter (post)moderner Künstlernetzwerke, als vielmehr die Möglichkeit, Zeit mit Menschen und mit Bildern zu verbringen.

Jochims Werke enthalten weder Figuration noch offensichtliche „Messages“. Dennoch – oder gerade deswegen – sind sie auf angenehme Weise zwingend. Sie lenken den Fokus auf das Wesentliche, Innere, ohne dem Betrachter eine eindimensionale Deutung aufzunötigen. Sicherlich erfordert die Abwesenheit von historischem Kontext oder gesellschaftspolitischem Inhalt ein tieferes Sich-Einlassen als die mimetische Abbildung. Gleichzeitig jedoch eröffnet sie eine neue Freiheit des Sehens, eine neue Art, das eigene Lebendigsein wahrzunehmen. Oder, wie Ute Seifert diese ganz spezielle Kunsterfahrung beschreibt: „Die Bilder schenken uns Zeit, wenn wir die Zeit aufbringen, uns ihnen zuzuwenden.“

Die Doppelausstellung ist noch bis zum 11. April zu sehen.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Sechs Monate Audible inkl. Gratis-Hörbücher für monatlich 4,95 Euro statt 9,95 Euro

Sechs Monate Audible inkl. Gratis-Hörbücher für monatlich 4,95 Euro statt 9,95 Euro

Das sind die Minister und Ministerinnen der Ampel-Koalition

Das sind die Minister und Ministerinnen der Ampel-Koalition

iPhone 13 jetzt schon sichern – zu diesen Hammer-Konditionen

iPhone 13 jetzt schon sichern – zu diesen Hammer-Konditionen

Angela Merkel: die wichtigsten Momente ihrer Karriere

Angela Merkel: die wichtigsten Momente ihrer Karriere

Meistgelesene Artikel

Künstler-Familie auf Reisen

Künstler-Familie auf Reisen

Künstler-Familie auf Reisen
Sprengel-Museum in Hannover zeigt Kurt Schwitters und sein Umfeld

Sprengel-Museum in Hannover zeigt Kurt Schwitters und sein Umfeld

Sprengel-Museum in Hannover zeigt Kurt Schwitters und sein Umfeld
Das „Affentor“ - ein Monument des Scheiterns

Das „Affentor“ - ein Monument des Scheiterns

Das „Affentor“ - ein Monument des Scheiterns
Ein Jahr für zwei Striche

Ein Jahr für zwei Striche

Ein Jahr für zwei Striche

Kommentare