Udo Lindenberg wechselt den Hut: Musical statt Panik-Rock / Mielke: „Der kann doch nichts“

Kein Vibrator im Hals

Zwei Udos und ein scheues Reh: Udo Lindenberg (l.) und sein Bühnen-Ich, Serkan Kaya (r.) herzen Jessy (Josephin Busch) vor Hammer und Sichel.

Von Andrea LinneBERLIN · Der Hut schwebt immer ein Stück über dem Kopf, dicke Rauchkringel ziehen über ihn hinweg, während er die Unterlippe vorschiebt. Udo Lindenberg ist total aufgeregt, und oftmals – bekennt er – nimmt er die Sonnenbrille schon deshalb nicht ab, weil er Tränen in den Augen hat. Vielleicht auch, weil die Medienpremiere am Mittwochabend des Musicals „Hinterm Horizont“ mit der Geschichte von ihm und seinem Mädchen aus Ostberlin dann mit stehenden Ovationen gefeiert wird.

Udo Lindenberg schrieb das Lied „Mädchen aus Ostberlin“ schon Anfang der siebziger Jahre. Insofern ist es nicht ganz stimmig, stört aber die Zuschauer gar nicht. Als Opener – der Hauptdarsteller steht auf einem großen schwebenden Hut – ist es jedenfalls allemal gut. Eigentlich lernt Udo seine Jessy, wie das Mädchen im Musical heißt, während seines Auftritts im Palast der Republik in Berlin 1983 kennen. Sie treffen sich ein paarmal, in Moskau entsteht dann das Kind, von dem heute keiner genau weiß, ob es wirklich existiert. Mal sagt Udo, sein Sohn sei Musiker, die wahre Jessy – im Musical strotzend vor Lebensfreude mit glockenklarer Stimme gespielt von der Pankowerin Josephin Busch – lebe zurückgezogen und scheu wie ein Reh, ein andermal streut er selbst wieder Gerüchte um deren Identität.

Wie auch immer, Jessy wird von der Stasi unter Druck gesetzt, sie unterschreibt als IM und soll Udo L. ausspionieren. Parallel dazu – und diese Szenen sind wirklich amüsant und temporeich gestrickt – will die Stasi einen eigenen Udo erfinden, um den echten für eine Tournee auszuladen. Erich Mielke bekennt: „Der kann doch nichts, und das können wir doch auch.“

Überhaupt entbehrt das Stück jener Komik nicht, die man aus jeder Liedzeile Udo Lindenbergs kennt. Er lacht über sich, und es stört ihn gar nicht, wenn es nun der ganze Saal tut. „Wo früher eine Leber war, ist heute eine Minibar“ – um nur einen der Gassenhauer zu nennen.

Jahre später fällt die Mauer, noch viel später erfährt Udo von seinem Sohn – in einem furiosen Finale finden alle zueinander und die Show geht mit viel Tempo, Tanz und Musik über die Bühne. Die Erwartungen vieler im Saal werden klar übertroffen, denn plötzlich sind sie von ihren Stühlen gerissen. Da schwebt der Hut vorbei, die Unterlippe vibriert. Udo Lindenberg zieht es auf die Bühne und ans Mikro. „Da rockt es in mir“ – und schon legt er los. Zwei Stücke, darunter „Ich mach mein Ding“ gibt er live, das Publikum ist schwer begeistert.

Tatsächlich ist es gelungen, aus der Koooperation von Stage Entertainment und dem Hamburger St. Pauli Theater mit mehr als 200 Beteiligten eine Geschichte zu erzählen, die viele Menschen in Ost und West auf einen gemeinsamen Nenner bringt. Udo L., der von Serkan Kaya mit fröhlicher Zappeligkeit und starker Stimme gespielt wird, hatte selbst ein wenig Angst davor, sein Panik-Rocker-Leben in ein Musical zu quetschen. Doch mit Regisseur Udo Waller ist es gelungen „manches anders“, eben unkonventionell, zu machen.

Kaum ein deutscher Rockmusiker hat die Biografien so vieler ost- und westdeutscher Jugendlicher in den siebziger und achtziger Jahren geprägt. Seine Lieder wurden heimlich auf Diskotheken gespielt, über die Geschichte mit der Lederjacke für Honi lachte die halbe Welt. Ein furioses Comeback vor zwei Jahren legte Udo Lindenberg dann mit „Stark wie zwei“ hin. Das ermöglichte gewiss auch, mitten am Potsdamer Platz – wo einst die Mauer stand – präsent zu sein und die Steine noch einmal symbolisch wegzupusten.

Originell sind die Bühnenbilder, die Mauer dient auch als Projektionsfläche für viele Originalaufnahmen vom Mauerbau bis zum Mauerfall sowie aus dem Rockerleben von Udo Lindenberg. Auf den Brettern stehen überwiegend junge Akteure der Schauspiel-Schule Ernst Busch in Berlin und keine Musicalschüler „mit Vibrator im Hals“, wie es Udo L. nennt. Dass sich seine Musik und die von Thomas Brussig („Sonnenallee“) geschriebene Geschichte zu einem Ganzen und Stimmigen verbinden, lässt das Publikum jubeln. Natürlich darf niemand die große Tabularasa-Tour im Geschichtsaufarbeitungszirkel erwarten. Doch so flach, wie von vielen im Vorfeld ängstlich vermutet, ist die Story nicht.

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