Kein Stück für Zehnjährige: „Traurig und fröhlich ist das Giraffenleben“ von Tiago Rodrigues als deutsche Erstaufführung

„Fuck“ sagte der Teddy: Bremer Moks-Theater erweckt das Tier in dir

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Lange Beine, noch längere Hälse: Im Moks hatte „Traurig und fröhlich ist das Giraffenleben“ Premiere.

Bremen - Von Henning Bleyl. „Fuck“ sagt der Teddy, gern auch „Fotze“, er hat halt das Tourette-Syndrom: Das Kuscheltier steht unter dem Zwang, ständig schlimme Worte sagen zu müssen. Die Besitzerin des Teddys, genannt „Giraffe“, hat noch ganz andere Zwänge und Nöte: „Der Mann, der mein Vater ist“, wie sie demonstrativ distanziert formuliert, ist in denkbar schlechter Verfassung – weil „die Frau, die meine Mutter war“, tot ist. Jetzt ist der vulgäre Teddy Giraffes wichtigster verbliebener Genosse. - Von Henning Bleyl.

Tiago Rodrigues hat das Stück „Traurig und fröhlich ist das Giraffenleben“, das im Bremer Moks-Theater als deutsche Erstaufführung Premiere hatte, als portugiesisches Pippi Langstrumpf-Update geschrieben: als Selbstermächtigungs-Stück einer Halbwaisen, die sich Leben und Umwelt besser zu machen versucht, als sie eigentlich sind. „Besser“ wäre es zum Beispiel, wenn der verwitwete Vater weiterhin den Discovery Channel aus dem Bezahl-TV finanzieren könnte – der für Giraffe zum Platzhalter einer besseren Gegenwelt wird.

Das neu sortierte Moks-Ensemble, in dem seit dieser Saison nach Meret Mundwiler – die ebenso wie Walter Schmuck vom Bremerhavener Stadttheater zur Bremer Kinder- und Jugensparte wechselte – Lina Hoppe und Walter Schmuck das Moks-Quartett komplettieren, ist eine spielstarke Abenteuer-Crew. Aber: die Inszenierung des sich nun entrollenden Road&Crime-Movies, in dem Giraffe und ihr Teddy nach Wegen zum Geld suchen, lebt über weite Strecken von jener Sorte Trash und Surrealität, die vor allem Erwachsene lieben. Ganz konkret macht auch der ständige, fast schon rollende Rollenwechsel den Kindern die Orientierung schwer.

Dennoch ist das Schlussbild stark: Die Jagd nach Geld endet im Büro des portugiesischen Ministerpräsidenten, der in einem silbernen Supermann-Anzug auf einer Leiter thront. Hier, am Ziel ihres Abenteuers, gerade, als sie den Regierungschef dazu gebracht hat, ihr per Gesetz den einmaligen Überfall auf eine Bank zu erlauben, da wird Giraffe jäh auf ihre Verlusterfahrung zurück geworfen. Durch die schlichte, aber schlagende Erkenntnis, dass selbst der Premierminister ihre Mutter nicht zurück ins Leben dekretieren kann. Die sinnfällige Konsequenz: Giraffe emanzipiert sich von ihrem Tourette-Teddy. In diesem Moment gespielt von Meret Mundwiler, die eindrucksvoll von der Leiter stürzt.

„Das ist der Tag, an dem ich erwachsen wurde“, sagt die bei Rodrigues als Neunjährige definierte Giraffe. Der Entwicklungsabschnitt, der die „Jugend“ – um Rodrigues zu variieren –, wäre demnach verlustlos zu überspringen. Dabei ist sie genau die die richtige Zielgruppe für sein Stück. Interpretiert man die Geschichte von der toten Mutter als Parabel auf den pubertären Ablöseprozess von den Eltern, ist es jedenfalls erst recht kein Stück für Zehnjährige, wie empfohlen, sondern eher für Siebtklässler. Zwei Jahre sind hier viel!

Martin Grünheit, der zum ersten Mal für das Moks Regie führte, bringt deutlich mehr Technik auf die Bühne, als sonst hier üblich. Soundverzerrer und akustische Schleifen, auch das beliebte Cam&Screen-Spiel – das darin besteht, sich eine kleine digitale Kamera so vors Gesicht zu halten, als wäre sie ein Mikro: So kann der Zuschauer allerlei Gesichtsausschnitte im Großformat auf der Leinwand betrachten. Auch die herkömmliche Seilzug-Theatertechnik, auf die das Moks meist verzichtet, kommt großformatig zum Einsatz. Das alles ist nicht verkehrt und nette Abwechslung. Dennoch macht das Ensemble die meisten Punkte mit einer gänzlich unaufgeregten theatralen Kompetenz: der treffenden Darstellung von Tieren. Solchen mit langen Beinen und noch längeren Hälsen.

Die kommenden Aufführungen: am 28. und 29. November sowie am 6. Dezember jeweils 16 Uhr am Moks Theater Bremen.

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