„War jetz’ das gestern oder im 3. Stock?“: Hommage an Karl Valentin und Liesl Karlstadt in der Bremer Schwankhalle

Kein Schwan im „Lohengrün“

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Fröhlich, freundlich, aber auch klischiert: Oberbayern in Bremen mit Karl Valentin (Denis Fischer) und Liesl Karlstadt (Anja Wedig). ·

Bremen - Von Tim SchomackerMitunter scheint München dem Bremer und der Bremerin ein ähnlich fremder Planet zu sein wie der Jemen oder Nordkorea. So gemütlich die Schunkelbierbänke auch sind, auf denen man im großen Schwankhallensaal zum Sitzen kommt – an blauweißkarierten Biertischen, hinten der Brezn-Stand, vorn auf der Bühne zwei blumenbekränzte Holzhäuschen – so schräg nimmt sich das aus. Wie auf dem Mars. Da denkt man zunächst „rot“ und „leblos“ – und dann kommt lange nix.

Hier dagegen kommt schon was. Beziehungsweise wer. Anja Wedig und Denis Fischer spielen, sprechen, singen Texte von Karl Valentin. Anders als bei der ersten Valentin-Karlstadt-Adaption „Heute besuch ich mich…“ im Jahr 2004 ist diesmal Fischers langjähriger musikalischer Begleiter Carsten Sauer mit dabei. Der spielt Klavier, kurz mal Orgel und an einer Stelle quer durch das „Festzelt“ marschierend eine hinreißend schräge Krachlederposaune. Woraufhin sich Fischer und Wedig in eine nicht minder hinreißende historische Erkundung des „Trompeters von Säckingen“ verheddern.

Wie in der Titel gebenden Frage „War jetz’ das gestern oder im 3. Stock“ setzt der Brecht-Freund Valentin Kausalitäten gezielt außer Kraft. Das Raum-Zeit-Kontinuum in diesem Fall. Außerdem gilt, was Hanns Dieter Hüsch über den gemeinen Niederrheiner sagte, auch für Valentins und Karlstadts Münchner Figuren: Sie wissen nichts, können aber alles erklären. Nun, zumindest ihr Blick auf die großen Weltverläufe ist eher beschränkt; ihr engeres Lebensumfeld indes stattet sie bisweilen mit mancherlei Klugheit aus. Manchmal auch nur, um die Angst zu bannen, sprechtrommeln sie in der Nacht, weil sie sich im Dickicht der Vorstädte nicht recht zurechtfinden. Die Dialektik ist bei Valentin oft wichtiger als der Dialekt.

Die beiden Regisseurinnen, die Münchnerin Marion Freundorfer und die norddeutsche Nomena Struß haben mit Wedig und Fischer ein Konzept entworfen, das gerade nicht versucht, Valentin und Karlstadt zu imitieren. Man darf hören, dass dialektale Stimmfärbung eine angelernte ist. Man soll sehen, dass es keine Reihe von Sketchen ist, bei denen die leibhaftigen Akteure eher die Funktion haben, beim Zuschauer die Erinnerung an das – in diesem Fall grisselgraue – Fernsehbild wachzurufen, durch das bei den meisten die Erstbegegnung mit dem alten material stattgefunden haben dürfte. Denis Fischer ist nicht so schlacksig wie Valentin, Anja Wedig von nicht ganz so herrischer Präsenz wie Frau Karlstadt. Gern hätten Struß und Freundorfer noch einen Schritt weiter gehen und das fröhliche, freundliche, aber eben auch klischiert ländliche (Ober)Bayern weglassen können.

Wir erinnern uns: Valentins und Kalstadts Figuren taumeln oft nicht auf dem Feldweg herum, sondern auf der Grenzen zwischen Tradition und Moderne, Innen- und Vorstadt, Dorf und Metropole. Hier liegt ihre Angst begründet – und auch ihr schmerzlicher Charme. Wie die Eheleute, die gleich zu Beginn von ihrem Besuch im „Gärtnertheater“ berichten, in dem sie das Regelwerk der Stadt, in der sie selber leben, erst einmal durchschauen müssen. Weil sie aus Gründen der Sparsamkeit den Programmzettel vom „Lohengrün“ wiederverwenden, warten sie vergeblich auf den Schwan. „Kein Schwan“, sagt sie; „nein!“, seufzt er.

Da das Material des Duos Karlstadt/Valentin, humorgeschichtlich eh über jeden Zweifel erhaben ist, hängt’s an der Umsetzung. Es sind die kleinen Gesten, die den Abend rund machen: Wedig sagt an einer Stelle: „Na, hier hat wohl jemand vergessen, aufzuräumen?“ und räumt die sparsamen Requisiten der letzten Szene weg; Carsten Sauer schüttelt vorwurfsvoll den Kopf, als Sängerin und Sänger im Lied „Ist das schon alles?“ immer wieder zu früh in die Strophe zurückkippen; Denis Fischer schließlich malt bei der wahnwitzigen Überlegung zweier Gemeinderäte, eine allgemeinen Theaterbesuchszwang einzuführen, den eher gerhartpoltisch geleiernuschelten Satz „Ist das Theater auch Schule?“ den Sprachverlauf inklusive Fragezeichen genüsslich in die Luft. Setzen wir an dieser Stelle ein entspanntes Ausrufezeichen dahinter.

Weitere Vorstellungen: am 13., 16. und 17. November, jeweils um 19.30 Uhr, in der Schwankhalle Bremen. Eintritt: 16 Euro. Telefon: 0421/700141

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