Kein Satz ohne Anklage

Felix Rothenhäusler inszeniert „Eines langen Tages Reise in die Nacht“

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Brüder im klaustrophobischen Umfeld: Alexander Swoboda und Hauke Heumann.

Bremen - Von Rolf Stein. Das Familiendrama, das Eugene O‘Neill in seinem bekanntesten Stück „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ zeigt, endete auch nach seinem Tod nicht. Seine Witwe nämlich focht erfolgreich für eine Veröffentlichung, auch wenn der Dichter dies frühestens ein Vierteljahrhundert nach seinem Ableben vorgesehen hatte. Dass der Zwangszusammenhang der bürgerlichen Kleinfamilie für allerlei Brutalitäten gut ist, dekliniert der Kunstbetrieb mindestens seit Jahrzehnten durch, eher aber länger. Dass dabei die Figuren weder nur gemein, noch dem Ideal entsprechend liebevoll sind, gebieten Realismus und Dramaturgie.

Insofern ist des Terrain vermessen und die Frage auf dem Tisch, was da noch herauszufinden wäre. Felix Rothenhäusler, Spezialist für Familienaufstellungen, hat O‘Neills vielfach ausgezeichnetes und als Schauspielerfutter immer wieder gern genommenes Stück mit Dramaturgin Anne Sophie Domenz auf knapp zwei Stunden eingekocht, in, man muss schon sagen, bewährter Manier aus dem Takt gebracht und mit vier vorzüglichen Schauspielern in Bremen auf die Bühne gebracht: Siegfried W. Maschek vertritt den Patriarchen, Alexander Swoboda und Hauke Heumann sind die Söhne, Verena Reichardt, die hier ihre letzte Rolle als Ensemblemitglied spielt, ist die morphiumsüchtige Mutter - gekleidet allesamt in sensationelle Kostüme (Elke von Sivers), angerichtet in einem klaustrophoben Guckkasten mit Dekortapete (Bühne: Katharina Pia Schütz).

Wo Rothenhäusler beispielsweise in „Mr. Robot“ oder „Ödipus/Antigone“ eher hochtourig inszenierte, entwickelt sich hier das Tempo sehr langsam. Nichts und niemand reagiert vorgeblich natürlich auf das Vorhergehende; im Grunde, und das ist ja richtig, ist hier ein Zustand beschrieben, weniger eine Entwicklung - auch wenn es innerhalb dieser Zustände durchaus verschiedene Aggregatzustände gibt, die sich hier oft quälend langsam entwickeln. Wobei der Musiker Matthias Krieg die Übergänge verblüffend subtil gestaltet, wenn er nicht gelegentlich Songs begleitet, in denen die Beteiligten ihre romantischen Ideale pro forma durchaus anrührend ausleben, die im Alltag so gründlich gescheitert sind. So ist alles präzise gearbeitet und adäquat umgesetzt. Allerdings: Neues lässt sich aus dem Stoff offenbar auf diese Weise auch nicht herauskitzeln. Weswegen sich dieser Abend über manche Strecke dann doch ein bisschen lang anfühlt.

Weitere Termine

Freitag, 1. Februar und Freitag, 8. Februar, 20 Uhr, Sonntag, 17. Februar, 18.30 Uhr, Theater Bremen.

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