„Los desaparecidos“

Da ist kein Respekt mehr

„Los desaparecidos“: Ausdrucksvoll und einprägsam. Foto: Merit Esther Engelke

Bremen - Von Katia Backhaus. Zehntausende, über Jahrzehnte hinweg: Mehr als hunderttausend Menschen dürften es inzwischen sein, die einfach nicht mehr da sind. In Kolumbien, auf Kuba und in anderen lateinamerikanischen Ländern ist das gewaltsame Verschwindenlassen bis heute ein weitverbreitetes Mittel im politischen Kampf. Den Angehörigen bleibt häufig nicht einmal eine Leiche, die sie betrauern können.

Augusto Jaramillo Pineda vom Bremer Steptext Dance Project, der aus Kolumbien kommt, hat den Schmerz der Hinterbliebenen und die Gewalt, die den Verschwundenen angetan wird, ausdrucksstark und einprägsam auf die Bühne gebracht. Das Tanzsolo „Los desaparecidos - Vom Erdboden verschluckt“ feierte am Donnerstag Uraufführung in der Schwankhalle.

Die Bühne (Maura Morales) ist nur mit Fotos dekoriert. An der Wand hängen sie in Reihen von 35 mal zehn Bildern, auf dem Boden liegen mindestens noch einmal so viele. Junge, mittelalte und alte Gesichter, mit Bart, Brille oder Zopf, auch Kinder. Alle sind schwarz-weiß. Sie sehen aus wie Bilder, die man aus anderen Gedenkkontexten kennt: Sie heischen Respekt. Aber da ist kein Respekt.

Im Verlauf der Stunde, die Jaramillo Pineda für sein Tanzsolo braucht, werden die Fotos zerknittert, er springt und tritt auf ihnen herum, wälzt sich darüber. Denn wo kann noch Respekt sein, wenn Menschen andere Menschen einfach verschwinden lassen, ihre Existenz so gründlich auslöschen, dass nichts bleibt, das in ein Grab gelegt werden kann?

Alle acht Stunden ist in den vergangenen 60 Jahren in Kolumbien ein Mensch verschwunden. Laut dem Observatorium für Erinnerung und Konflikt des kolumbianischen Nationalen Zentrums für Geschichtserinnerung sind zwischen 1958 und Ende 2017 knapp 83 000 Menschen verschwunden. In der Hälfte der Fälle sind die Täter bekannt: Es sind Paramilitärs, Guerillakämpfer, weitere bewaffnete Gruppen und auch staatliche Akteure, schreibt das Lateinamerika-Nachrichtenportal „amerika21“. Die Angehörigen leben in Ungewissheit - meist für immer.

Rennen, in Zeitlupe. Der Versuch, zu entkommen, ist vergeblich. Schläge, immer wieder, Fallen, Aufstehen, Fallen. Viele Bewegungen sind nur Versuche, sind unterbrochen und gebrochen wie der Mann auf der Bühne, der verzweifelt rennt, sich wälzt, laut keucht, wenn die Musik aussetzt. Wenn da nichts mehr ist.

Der Schmerz, der das Herz zerreißt, pantomimisch dargestellt. Die Vermisstenmeldung bei einer Behörde, lieblos in die Tasten gehackt, von vornherein aussichtslos. Pst! Ihr dürft nicht davon sprechen. Und nichts kommt aus seiner Kehle, in dem einen Moment, in dem Jaramillo Pineda versucht, die Stimme zu erheben. Ein einziger Schrei, herausgequält.

Die für das Solo komponierte elektronische Musik (Michio Woirgardt) ist manchmal Gegenpart, manchmal Komplement zur überbordenden Emotion auf der Bühne. Der mechanische Rhythmus macht den tiefen, harten Schmerz fühlbar und gibt zugleich den Takt zum Weitermachen, Weiterleben, trotz dessen. An der Grenze zur Maschine - oder zum Bruch mit aller Regularität.

„Ist jemals ein Mensch plötzlich aus deinem Leben verschwunden?“ Eine Stimme vom Band fragt das Publikum, bringt den Gedanken zur Sprache, den es mit sich herumträgt. Verschwinden, in unserer Welt, in der wir uns sorgen um zu viel Präsenz, zu viel Sichtbarkeit, zu viele Bilder, bunt und bearbeitet, die wir hinaussenden in die Welt? Wie können wir uns Verschwinden vorstellen, wie die Verschwundenen sehen? Wo ist ihr Platz neben all den Bildern, die unseren Alltag vollstellen? Jaramillo-Pineda und der kubanischen Choreografin Maura Morales ist es mit „Los desaparecidos“ gelungen, ein sehr eindrückliches Bild von ihnen auf die Bühne zu bringen.

Weitere Termine

„Los desaparecidos - Vom Erdboden verschluckt“ ist Sonnabend und am Dienstag, den 5. Februar um 20 Uhr in der Schwankhalle in Bremen zu sehen.

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