Rarität von Hector Berlioz im Bremer Dom

Kein Platz für Jubel

Tobias Gravenhorst ·
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Tobias Gravenhorst ·

Bremen - Von Ute Schalz-LaurenzeViel Jubelmusik über die Geburt: so kennen wir die Weihnachtsmusik besonders von Johann Sebastian Bach, aber auch von vielen anderen Komponisten.

Eine ganz andere Konzeption hat sich der französische Komponist Hector Berlioz ausgedacht, den wir besonders von seiner berühmten „Fantastischen Sinfonie“ kennen, mit der er als siebenundzwanzigjähriger die Verzweiflung des Künstlers an dieser Gesellschaft musikalisch thematisiert.

1854 – der Komponist war 51 Jahre alt – wurde „L‘Enfance du Christ“ uraufgeführt. Zwar geht der Komponist für das von ihm selbst geschriebene Libretto von der Bibel aus, nimmt aber dann für seine so persönliche Aussage einen ganz anderen Weg: Der erste Teil berichtet von den Ängsten und der Wut des Herodes und seiner Entscheidung, alle Kinder zu ermorden. Der zweite Teil heißt zwar „Die Flucht nach Ägypten“, bringt aber eine wunderbare stille, atmosphärisch dichte Musik der elterlichen Fürsorge für das Kind. Und der dritte Teil „Die Ankunft in Sais“ entfernt sich dann gänzlich vom biblischen Geschehen: Berlioz berichtet von der jegliche Hilfe ablehnenden Bevölkerung in Ägypten, bis ein „Hausvater“ die Fremden aufnimmt.

Die soziale Utopie, die hier aufscheint, bleibt still: „Meine Seele, oh steh‘ vor dem Geheimnis stille“ singt der Tenor, erschüttert über die Unfassbarkeit des Geschehens. Kein Platz für Jubel und das abschließende „Amen“ in fast unhörbarem pianissimo beschließt eine Interpretation von größter Sensibilität.

Die Kammersinfonie Bremen und der Bremer Domchor unter der Leitung von Tobias Gravenhorst, der nicht müde wird, die Raritäten des Repertoires hervor zu wühlen, überzeugten mit einer Interpretation, die es doppelt schade macht, dass viel zu wenig Publikum einfach mal neugierig ist. Dafür ist ein Weihnachtsoratorium dann wieder ausverkauft. Berlioz‘ psychologisch reizvolle Orchesterfarben – in den Angstträumen des Herodes ebenso wie in den zarten Beruhigungstönen der Maria – erklangen wunderbar, der Chor sang sehr schön.

Die Solomusik für zwei Flöten und Harfe, mit denen der Ismaelit die fremden Gäste ehrt, wurde vor den Altar verlegt: ein großer Effekt für eine Musik von überirdischer Schönheit. Eine gute Homogenität boten auch die Solisten, allen voran der Erzähler Kurt Schoch, dann Krzysztof Szumanski als Herodes und Hausvater, und Tanya Aspelmeier als stimmungsvolle Maria. Reichlicher verdienter Beifall!

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