Zwei Zeitgenossenschaften im Syker Vorwerk: Hans-Albert Walter (1925-2005) und Felix Kultau (geb. 1984)

Kein Königsweg zum Format

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Felix Kultau, Student an der Frankfurter Städel-Schule, zwischen seinen Werken im Syker Vorwerk. ·

Syke - Von Rainer BeßlingDie Konturen des Gesichts sind verschleiert, die Perspektiven wechseln in der Folge der Bildnisse. Farbe liegt frei schwebend über der Form, Abstraktion begegnet Figürlichkeit, Individualität trifft auf Typus.

Die eher beiläufig auftretende, dabei vielschichtig lesbare Porträtreihe befindet sich in vielformatiger Nachbarschaft. Felix Kultau füllt die obere Etage des Syker Vorwerks mit einem anspielungs- und einfallsreichen Mix. Tafelbilder, Objekte, Rauminstallationen – der 1984 geborene Student der Frankfurter Städelschule lässt künstlerische Gattungen, Motive und Materialien aufeinanderprallen, kreuzt Wahrnehmungsrichtungen und ästhetische Stile, bündelt Zitate aus verschiedenen Epochen. Er verschränkt in seinem originellen „Überkreuz“ Fundstücke – als solche mal offensiv ausgeflaggt, mal verdeckt oder verfremdet – mit subtilen Kompositionen.

Aus den Exponaten und ihrer präzisen Anordnung sprechen konzeptuelle Strategie und eine Vorliebe für das Prozesshafte, Fortzuschreibende. Dabei erreichen Kultaus Stücke und bildnerische Szenen aber doch unmittelbar die Sinne, der Kopf darf nachgeschaltet werden. Stelen mit gedrechselten und glatten Anteilen wirken wie Figurinen und Kleiderständer, verweisen mit humoristischer Begleitnote gleichermaßen auf Nutzanwendung im Alltag, Moden und Skulpturales. Zugleich könnten sie als Sinnbilder für Epochenschichtungen und aus vielen Quellen gespeiste ästhetische Achsen verstanden werden, als Spindeln und Spulen, auf denen Hoch- und Popkultur, Hauptwege und Abseitiges liegen.

Ein zerborstener Holzpfeiler oder auch zerbrochenes Vitrinenglas stehen für einen motivischen und thematischen Grundzug in Kultaus Werk: Vielerorts trifft der Betrachter auf Fragmentarisches und dessen Kombinatorik in einem Spektrum, in dem sich der pointenreiche Metaphernwirbel von Dada ebenso auffinden lässt wie die vielgesichtige Form-Erörterung des Kubismus. Zugleich dürfen Krisenphänomene der realen Welt mitgedacht werden, schließlich bröckelt und bröselt es überall, und wer sagt eigentlich, dass die Großen nicht zerbrechen dürfen, weil an ihnen alles gemeine Wohl hängt?

Kultau gelingen prägnante, zugleich präzise und verspielte, formal klare und dabei doch nicht glatte Chiffren für Wahrnehmungs-, Strukturierungs- und Ordnungssysteme. Linien laufen quer oder brechen ab, malerische Flächen liegen im Nebel, Gehäuse verweigern sich einer strengen Kubenform. Regale fügen sich nicht bruchlos zum einfachen, einen Kanon zusammenbindenden Behältnis. Künstliche und natürliche Klang-Erzeuger – Lautsprecher und Kokosnuss – lagern an demselben Resonanzkörper, wirken nach innen oder bleiben stumm ohne Impulse.

Das meiste der Schau ist in Gedanke und Gestalt nicht neu, auch wenn sich die Ausstellung mit dem Titel „Parser“ eines Begriffs aus der Informatik bedient. Parser ist, so ist in der Pressemitteilung zu lesen, „ein Computerprogramm, das für die Umwandlung einer Eingabe in ein für die Weiterverarbeitung brauchbares Format zuständig ist“. Nette Umschreibung für das, was Künstler immer zu tun hatten und haben, nur dass sich die Betrachtungs- und Bewegungsmasse ebenso wie das Ausmaß des Bedenkenswerten und -notwendigen inzwischen erheblich vergrößert haben.

Wie geht der Künstler damit um? Zum Beispiel indem er das Problem thematisiert und weiterreicht. Kultau lässt eine erstaunliche Menge heute für Künstler relevanter „Eingaben“ sprechen, und zwar als Steinbruch, der die „Betten“ der ausgeschlagenen Werke erkennen lässt, Betten, in die sich kein Nachgeborener komfortabel legen kann und darf. Die Überfülle und das Sperrige, das sich gegen eine Strukturierung angesichts disparater Anschauungen Sperrende, bloß weiterzureichen, kann aber nicht genügen. Also lässt Kultau den Betrachter auch das Problem des Formens sehen und erkunden. Er legt Anordnungen in einer tendenziell fundamentalen, minimalistischen Formensprache aus, lässt aber auch immer wieder das Material als eigensinniger Quertreiber gegen allzu schlüssige Gestaltung wirken.

Vorwerk-Leiterin Nicole Giese ist es mit dem sehenswerten, gut inszenierten, anregungsreichen Blick auf Felix Kultaus Werke gelungen, eine spannende, respektable junge Position nach Syke zu holen. Damit unterstreicht sie den hohen Anspruch des Hauses, ein „Zentrum für zeitgenössische Kunst“ zu sein. Problematisch ist allerdings, dass sie den Anschein erweckt, sie überlasse der Frankfurter Galeristin Anna Feldhaus, die auf der Vernissage einführende Wort sprach, einfach das Haus für die erste institutionelle Solo-Schau des von ihrer Galerie vertretenen Künstlers Kultau.

Ärgerlich ist, dass Giese in ihrer Begrüßung die Präsentation von Tafelbildern Hans-Albert Walters (1925-2005) – ein großes Konvolut von Werken des zuletzt in Diep holz ansässigen Künstlers befindet sich in der Sammlung des Vorwerks – eher wie ein Anhängsel, wie eine Pflichterfüllung behandelt. Walters Zahlenbilder im Vorwerk-Erdgeschoss lassen Brückenschläge zu Kultaus Werk zu. Sie repräsentieren und dokumentieren eine ästhetische Haltung, die konsequent und in klarer Formensprache die Auseinandersetzung mit einer komplexer werdenden, von Kalkulation und immer schneller wechselndem künstlerischem Kalkül geprägten Wirklichkeit suchte. Walter und Kultau gehen mit der Formatierung durchaus vergleichbarer Eingaben völlig unterschiedlich um. Auch das lohnt den Besuch der Ausstellung.

Syker Vorwerk, Bis 30. März. Mi 15-19 Uhr, Sa 14-18 Uhr, So 11-18 Uhr. Während der

Bürozeiten Mo-Frei 8 bis 12 Uhr nach telefonischer Vereinbarung: 04242-577410.

Ein Katalog zur Kultau-Ausstellung ist in Vorbereitung.

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