Schwebezustände in der Bremer Galerie Oberem – Heike Jobst verweigert den letzten Fragen die Antwort

Kein Grund zur Verzweiflung: Das Scheitern am Menschsein

Und in der Mitte entspringt das Nichts: Blick in die Ausstellung mit der „Memory“-Installation (rechts). ·
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Und in der Mitte entspringt das Nichts: Blick in die Ausstellung mit der „Memory“-Installation (rechts). ·

Bremen - Von Johannes BruggaierVielleicht zeigte sich der deutsche Seelenzustand in der Nachkriegszeit nirgendwo so deutlich wie im Spitzenmuster der Tischdecken und Wohnzimmergardinen.

Mit den biederen Blümchen, Schnörkeln und Voluten glaubte man beim heimischen Kaffeekränzchen die finstere Vergangenheit zudecken zu können. Der deutsche Alltag: eine brave Kaffee-und-Kuchen-Inszenierung. Einerseits, tagsüber und im halb öffentlichen Raum.

Andererseits, nachts und im Intimleben war die Spitze vor allem ein Markenzeichen von erotischer Unterwäsche. Und damit so ziemlich exakt des Gegenteils der sonst so penetrant hervorgekehrten Biederkeit.

Diese Intention der Künstlerin zu kennen, ist nicht die Voraussetzung, um einen Zugang zu ihrer in der Bremer Galerie Oberem ausgestellten Kunst zu finden. Dass Heike Jobst sie aber einmal so deutlich benannt hat, unterstreicht, womit man es bei ihren Werken zu tun bekommt: Mit Spitzenmustern natürlich, aber eben auch mit Widersprüchen, mit eigentümlichen Schwebezuständen zwischen einerseits und andererseits, Tag und Nacht, öffentlich und intim.

Reichlich Nacht verkündet zunächst ein großformatiger schwarzer Stoff, in dessen Zentrum ein längliches Möbelstück zu schweben scheint. Zu schweben, weil weder Boden noch Tischbeine auszumachen sind. Weshalb man auch nicht ohne weiteres von einem Tisch sprechen möchte, sondern vielmehr einer Zwischenkonstruktion aus Festtafel und Altar, Anrichte und Sarg. Dass sich dieses Objekt auf der ansonsten unberührten schwarzen Fläche überhaupt erkennen lässt, ist lediglich dem in weißer Farbe aufgemalten Spitzenmuster zu verdanken, das dieses imaginäre Ding wie eine hübsch drapierte Decke umfasst. Es dokumentiert einen biederen Ordnungssinn, der in der Inszenierung des Exponats seinen Kontrast findet: Wo ein Rahmen fehlt, franst der Stoff aus.

Doch es ist ohnehin nicht der Rahmen, der darüber Aufschluss geben könnte, ob es sich um Kaffeeklatsch oder Gottesdienst handelt, um Trauerfall oder Festbankett. Was hier fehlt, um das Bedürfnis nach Aufklärung zu befriedigen, die eigentliche Leerstelle des Bildes: Es ist der Mensch.

Denn irgendwo dazwischen müsste er doch eigentlich stehen. Zwischen Hell und Dunkel, oben und unten, Ordnung und Unordnung. Müsste uns erklären, wie diese Szene nun zu verstehen ist, müsste den Schwebezustand auflösen und eine unmissverständliche Deutung leisten. Indem Heike Jobst die Wahrnehmungspole des Menschen einander gegenüberstellt, kommt sie ihm nahe, ohne tatsächlich bis in sein Innerstes vorzudringen.

Das gilt etwa auch für ihre Installation „Memory“, die eine Expedition in die Tiefen des menschlichen Erinnerns verspricht. Auch hier sind wieder die Spitzenmuster zu finden, mit Graphit auf eine Dia-Leinwand gezeichnet. Ovalförmig umschließen sie eine Fläche, wie die Fassung eines Medaillons. Die Dia-Foto-Kultur als Ausweis nostalgischen Schwelgens, das Spitzenmuster als heimelige Dekoration, die Medaillonform als historisierende Komponente: All dieses Drumherum erscheint menschlich bis menschelnd, mutet an wie das perfekte Rahmenprogramm zum finalen Auftritt, zur Präsentation der menschlichen Substanz, des Ichs.

Und tatsächlich strahlt auch ein Projektor verheißungsvoll sein Licht auf die leere Fläche, als sei darin nun eine Antwort auf die letzten Fragen unseres Seins enthalten. Was aber ist zu sehen? Das weiße Nichts. Die Expedition ins Innere unserer Identität – es ist wieder nur bei einer Annäherung geblieben.

So bedeutet die Kunst von Heike Jobst immer auch eine Einladung zum Scheitern. Oder anders: zur Bewusstwerdung des Scheiterns. Es ist das alltägliche Zerbrechen am Anspruch, den Menschen zu erfassen, ihm eine endgültige Definition abzuringen. Im Alltag mag man an dieser Erfahrung mitunter verzweifeln. In der Galerie Oberem gibt sie Anlass zur Selbstreflexion.

Bis 11. August in der Galerie Oberem, Mendestraße 11, Bremen. Öffnungszeiten: Di.-Fr. 14-18 Uhr, Sa. 12-14 Uhr.

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