War Guttenbergs Afghanistan-Besuch eine Inszenierung? Schauspielleiter Marcel Klett über Theater am Hindukusch

Kein Glühwein an der Front

„Der dramaturgische Wert ist eindeutig Unterhaltung“: Johannes B. Kerner talkt mit Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg.

Von Johannes BruggaierBREMEN (Eig. Ber.) · Daran, dass Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) gemeinsam mit Gattin und Talkmaster nach Afghanistan gereist ist, besteht kein Zweifel. Über den Grund des Besuchs hingegen herrscht Uneinigkeit. Um sich mit den Bundeswehrsoldaten solidarisch zu zeigen, sagt der Minister. Um sich selbst zu inszenieren, sagt die Opposition.

Der Leiter des Schauspiels am Theater Bremen, Marcel Klett, interpretiert im Gespräch mit unserer Zeitung, den Besuch aus theatralischer Sicht.

?Herr Klett, welches Stück wird zurzeit in Afghanistan gespielt?

!Da bin ich mir nicht sicher. Offensichtlich handelt es sich um eine Komödie: Schließlich ist bis jetzt alles gut gegangen. Ein Referenztext aus der Dramenliteratur fällt mit aber nicht ein. Sollte schon mal ein Stück mit dieser Handlung geschrieben worden sein, war es für eine Überlieferung nicht gut genug.

?Nicht gut genug?

!Nein. Zu wenig Konflikte. Oder besser: Alle Konflikte finden woanders statt.

?Eine Familie im Krieg, der Hochadel zwischen Soldaten: Was bezweckt man mit solchen Gegensätzen?

!Ich glaube, unser Verteidigungsminister hat von seinen Beratern erfahren, dass Selbstinszenierung zu seinem Job gehört. Diesen Teil macht er sehr gut. Allerdings ist ihm der Grund für diese Selbstinszenierung aus dem Blick geraten. Geplant war hier, sich mit Menschen solidarisch zu zeigen, die das Weihnachtsfest nicht zu Hause verbringen können. Dieses Anliegen ist jetzt in den Hintergrund gerückt, zugunsten eines Familienausflugs im Hochadel.

?Welche Rolle spielt eigentlich der Talkmaster Johannes B. Kerner?

!Er soll dafür sorgen, dass keine zu kritischen Fragen gestellt werden. Es geht immerhin um eine Talkshow, die im privaten Sender gezeigt wird. Der dramaturgische Wert ist also eindeutig: Unterhaltung.

?Welche Funktion nimmt die Kleidung ein? Der Verteidigungsminister könnte sich dem Bundeswehr-Look anpassen oder ganz offiziell mit Anzug und Krawatte erscheinen. Am Ende entscheidet er sich für betont lässige Freizeit-Textilien.

!Der Freizeitcharakter soll das Private dieses Ausflugs unterstreichen. Die Aussage lautet: Unser Besuch ist ein zutiefst persönliches Anliegen. Die Bild-Zeitung hatte gestern sinngemäß getitelt: „Das ist hier kein spaßiger Ausflug.“ Die Fotos zeigen aber etwas anderes. Es fehlt nur der Glühwein, dann sieht es aus wie auf dem Weihnachtsmarkt. Diejenigen, um die es angeblich eigentlich geht, werden zu Statisten.

?Bei Berichten über den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr kommen meist Männer zu Wort. Frauen in Militäruniform sind nach wie vor in den Medien ein eher seltenes Bild. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie eine Soldatin im Gespräch mit der Gattin des Bundesverteidigungsministers sehen?

!Dass ein gewisses Rollenverständnis, das ich überwunden glaubte, festgeschrieben wird. Tatsächlich spricht die Ministergattin mit Ärztinnen und Sanitäterinnen. Frauen könnten auch andere Aufgaben übernehmen – wenn man sie ließe. In dieser Hinsicht ist die Dramenliteratur schlauer. Da haben wir nicht nur Sanitäterinnen, sondern auch eine Johanna von Orléans.

?Welche Bedeutung nimmt in diesem Stück die Erotik des Militärischen ein? Eine zarte Frau zwischen Panzern und Hubschraubern?

!Einerseits eine hohe Bedeutung. Andererseits sind die Bilder nicht so erotisch, wie sie sein könnten, weil die Uniformen nicht schön sind. Zynisch formuliert: Um wirklich gute Bilder zu bekommen, müsste die Bundeswehr noch an ihrer Ausstattung arbeiten. Insgesamt ist das aber eine seltsame Form von Verharmlosung der Kriegsereignisse. Mir fehlt nur noch das Pauschalangebot für einen Kurztrip nach Kundus.

?Was würden sie dem Bundesverteidigungsminister als Experte für Inszenierungen raten?

!Ich würde ihm zunächst zu einer Änderung der Besetzung raten. Herrn Kerner sollte er zuhause lassen und stattdessen einen politischen Journalisten einladen. Zudem müsste er einige Auftritte besser proben.

?Welche?

!Alle, bei denen der Minister und seine Frau zu gut gelaunt wirken. In Afghanistan sterben Menschen: Das erfordert ein Mindestmaß an staatstragendem Ernst.

?Wie ordnen Sie die Inszenierung historisch ein?

!Als neue Dimension. Helmut Kohl und Francois Mitterand händehaltend am Soldatenfriedhof in Verdun, dann Gerhard Schröder im Brioni-Anzug: Das alles war schon auf unterschiedliche Weise theatralisch – aber in einem gewissen Rahmen. Eine Inszenierung wie jetzt in Afghanistan hat es in der deutschen Politik noch nicht gegeben.

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