Der Dialog von Helmut Schmidt und Peer Steinbrück ist in Wahrheit ein Selbstgespräch

Kein Duell außerhalb des Schachbretts

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Kreiszeitung Syke

Syke - Von Johannes Bruggaier· Dass Peer Steinbrück Kanzler werden will und Altkanzler Helmut Schmidt ihn dazu befähigt sieht, hat sich mittlerweile herumgesprochen.

Ebenso natürlich die Position des Schachbretts auf dem Cover ihres gemeinsam veröffentlichten Buches: Es steht falsch herum, wie findige Journalisten herausgefunden haben. Weniger bekannt ist, was denn nun eigentlich drin steht in jenem Werk, an dem sich die Kandidaten-Debatte um Kanzler a. D. und Kanzler in spe entzündet hat.

„Zug um Zug“ lautet seine Überschrift, was zum einen anspielt auf die Schachleidenschaft der beiden Gesprächspartner, zum anderen auf den legendären Zigarettenkonsum des Altkanzlers. Vor allem aber soll sich darin wohl die Dialogstruktur des Buches spiegeln: ein Politiker-Gespräch auf 300 Seiten, Zug um Zug. Bloß schachmatt ist am Ende niemand. Denn Steinbrück und Schmidt sind bekanntermaßen aus dem gleichen Holz geschnitzt, zwei Sozialdemokraten am rechten Flügel der Partei, Pragmatiker mit ausgewiesener Skepsis gegenüber idealistischen Tendenzen.

Da überrascht es nicht, wenn statt eines zünftigen Streitgesprächs traute Eintracht herrscht. „Ich stimme Ihnen zu“ lautet deshalb die am häufigsten anzutreffende Formulierung. So viel Harmonie wirkt mitunter ermüdend, zumal sich schon bald die Frage aufdrängt, warum es für die gemeinsam vorgetragene Meinung überhaupt eines Dialogs bedarf.

Spannend wird es deshalb immer dann, wenn sich der Ex-Finanzminister mit Kanzler-Ambitionen zu Äußerungen verhalten muss, die sich nur sein außer Dienst befindlicher Gegenüber leisten kann. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn sich Schmidt bemerkenswert abfällig über die Demokratie äußert.

Was es wohl für die Welt bedeuten würde, wenn das undemokratische China eines Tages die stärkste Volkswirtschaft wäre, fragt ein besorgter Peer Steinbrück. Woraufhin Schmidt kühl vor einer Idealisierung der Demokratie warnt: Es gebe auch „andere Regierungsformen“, überdies sei die Demokratie eine „sehr menschliche Einrichtung mit einer Reihe von Schwächen“. Steinbrück beeilt sich zu widersprechen und Demokratie als friedenstiftendes Element zu preisen.

Mit Frieden, meint dagegen Schmidt, sei Demokratie nun wirklich nicht „verschwistert“, überdies sollten sich die Europäer endlich einmal ihren missionarischen Eifer abgewöhnen: Ihre Selbstgerechtigkeit und ihr Selbstlob kontrastiere „ein bisschen hart mit dem, was sie in Wirklichkeit zustande gebracht haben“. Steinbrück widerspricht nicht, stimmt aber auch nicht ausdrücklich zu – kritische Bemerkungen über die Demokratie sind gewagt für einen Politiker, der noch was werden will.

Ungefährlicher ist da schon der Exkurs ins Persönliche. „Politik als Beruf“ lautet ein Kapitel, in dem Schmidt und Steinbrück durchaus erhellend über Karrieremotive diskutieren, über Versagensängste und familiäre Belastungen. Und wenn das Gespräch dann wieder in die weite Welt der Politik schweift, zu Finanzkrise und Energiewende, dann möchte man den beiden in zahlreichen Punkten zustimmen: bei der kritischen Betrachtung der Deregulierungspolitik unter Rot-Grün, bei der Missbilligung von Energie- und Außenpolitik unter Schwarz-Gelb und nicht zuletzt bei der pessimistischen Prognose für die Generationengerechtigkeit.

Und doch fehlt bei so viel Vernunft der Reiz des Widerspruchs, eine Reibungsfläche, an der sich die Belastbarkeit der Argumente überhaupt erst erweisen könnte. Das gilt etwa für den – vielen Beweisschlüssen zugrunde liegenden – Glauben an einen Fortbestand des Wachstums: für Schmidt wie für Steinbrück offenbar eine selbstverständliche Annahme.

So dient der Dialog mehr zur Selbstbestätigung einer an der gesellschaftlichen Mitte orientierten Leserschaft als zur kritischen Hinterfragung eigener Positionen. Vielleicht aber dient er auch einfach nur zur frühzeitigen Entscheidung einer parteipolitischen Personalfrage.

Der Kanzlerkandidatur jedenfalls dürfte Peer Steinbrück mit Helmut Schmidts publizistischer Hilfe immer näher kommen. Zug um Zug.

Helmut Schmidt, Peer Steinbrück: „Zug um Zug“, Hoffmann und Campe Verlag: Hamburg 2011; 320 Seiten; 24,99 Euro.

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