Gordon Kampes Musiktheater „Anoia“ ist in Oldenburg zu sehen

Ich mit Kasten

„Erbarme dich, du Schönheit dieser Welt“: Szene aus „Anoia“ in der Oldenburger Exerzierhalle. ·
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„Erbarme dich, du Schönheit dieser Welt“: Szene aus „Anoia“ in der Oldenburger Exerzierhalle. ·

Von Tim SchomackerOLDENBURG · In manchen Köpfen möchte man eher nicht so gerne wohnen. Dieses ist so einer. In der Mitte steht aufrecht ein Plexiglasquader, nur die hintere Fläche ist nach innen viertelblind verspiegelt. Davor ein still mitlaufendes Tonbandgerät, rechts vorne eine Schreibmaschine.

Auf dem Holzboden zieht sich Kreideschrift durch ein Labyrinth. Die sechs Akteure, gleichmäßig nach Geschlechtern verteilt und aus allen drei darstellerischen Kerngattungen, für diesen Uraufführungsabend in der Oldenburger Exerzierhalle eine Ich-Abteilung. In einem Kopf-Raum, der Züge einer altmodischen Behörde trägt.

In Gordon Kampes gemeinsam mit dem Regisseur und Librettisten Alexander Müller-Ellmau entwickelten Musiktheater „Anoia“ geht es um Normalität. Anschwellend Choralisches hängt in der Szene, mit den Ohren kaum entzifferbar: „Erbarme dich, du Schönheit dieser Welt, und nimm von mir die Fesseln meiner Seelen.“ Der Seelen-Plural des Barock ist programmatisch zu verstehen. „Ich“ hat an diesem Abend diverse Stimmen, einige befinden sich in Kästen, die mal aus Glas sind und mal aus Tontechnik. Der Schrei eines traumatisierend toten Kindes kommt berstend laut aus einem Kopfhörerpaar. Wir befinden uns, der Titel deutet es an, in einem Kopf, in dem kein Ich allein bei sich ist. „Paranoia“, das heißt: „neben sich stehen“ – solange man das Ich und den Verstand einigermaßen zur Deckung bringt. Müller-Ellmau trennt dieses Wort, manchem Griechischlehrer wohl zum Verdruss, gezielt falsch für den Titel: Es gehe, erklären Kampe und er, in mehrfacher Hinsicht um Beschädigungen.

Ein knappes Dutzend Musiker spielt als Staatsorchester-Torso hinter einem schwarzen Vorhang. Mikrofone verfremden die Stimmen dreier ebendort verborgener Chorsängerinnen. Instrumente sind gezielt verstimmt, andere müssen notgedrungen fremde Lagen und Lautgebungen mitspielen. Eine Beschädigungs- und Verfremdungslogik, die sich auf der Szene in Werner Fritz‘ Kostümen spiegelt. Ein grauer Hut steckt florartig auf einem Arm, ein Paar Hosenträger erweist sich als viel zu lang, das weiße Leibchen, das Maria Walsers eingekastelte Zentralfigur trägt, ist deutlich zu groß.

Gekürzt, überschrieben, angedeutet ist auch viel Musikgeschichte in Kampes Partitur. Hier ganz konkret als abgebrochener Radetzkymarsch oder eingelassene Bachauseinandersetzung, dort als Anklang: gefühlter Alban Berg, Erinnerung an Paul Dessaus Lieder, an Kurt Weill’sche Schroffheit.

In Auseinandersetzung mit ihren choreographisch wie musikalisch eher gemeinschaftlich agierenden Ich-Kollegen hat Walser anstrengende Arbeit zu verrichten. Sie wiederholt kleine Gesten wie Haarglattstreichen oder an der Kleidung herumnesteln. Ihre Zentralfigur bleibt bis kurz vor Schluss von ihrem inneren Kollegium getrennt. Genau wie das Gesangsquartett und der Schauspieler Daniel Fries schauen wir ihr bei ihrer leicht bekleideten Hochleistungsarbeit zu.

Passend zu dieser Beobachtungssituation ein ganz beiläufiges (und vielleicht das überzeugendste) Bild des Abends. Fries, im langen Mantel und dem Publikum den Rücken zugewandt, bewegt seine Arme im Accelerando auf und ab, eine masturbatorische Geste. Sexualität ist der Psyche vielleicht beliebtester Austragungsort. Jedenfalls tritt Walser – den orgelnden Fries, der ja zugleich irgendwie sie selbst ist, beobachtend – ganz nah an die Glasscheibe, entblößt ihre Brüste, drückt sie an die Scheibe. Als sie wieder zurücktritt, bleibt, wie eine kurzzeitige Toilettenkritzelei aus Schweiß, das Bild eines Genitals dort kleben. Darin nun steckt eine ganze Menge: das ausgestellte Partialobjekt im Porno, die masturbatorische Dimension auch des einvernehmlich-erfülltesten Sexualakts, die wechselnden Rollenverteilungen im Emotions- und Wahrnehmungshaushalt. Schließlich der Verweis auf eine interessante Parallele von Pathologischem und Pornographischen: Dass privateste Handlungen immer schon ikonografisch verfügbar sind.

So vielschichtig präzise ist Müller-Ellmaus Inszenierung nicht immer. Aufs Stichwort „Medikament“ müssen alle Tabletten einwerfen. Und wenn sich dann just zur lautesten musikalischen Stelle, einem Sinus-Fiepen, die Akteure gekrümmt die Ohren zu halten, wirkt das wie ein gemeiner Scherz eines Neue-Musik-Nichtmögers. Hier verheddert sich „Anoia“ in seinem Sujet, weil Musikalisches wie Choreographisches gleich mit pathologisiert werden, die Abstraktion darin einer Repräsentation der „Verrücktheit“ weicht. Das spartenübergreifende Ensemble agiert souverän, bekommt aber zu selten Momente in die Hand wie Walser und Fries, die sich gleichzeitig lange rote Fäden aus dem Mund zaubern oder Ulrich Schneider, dessen tiefe Stimme ganz unkünstlerisch gelegentlich Garstiges in die Menge spucken darf. Anoia ähnelt dem englischen Wort „(to) annoy“ – ein bisschen mehr vor den Kopf stoßen hätte gut getan.

„Anoia“ ist noch heute und am 13. Juli in der Exerzierhalle in Oldenburg zu sehen

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