„Kasimir und Karoline“ von Ödön von Horvath am Theater Bremen

Inszenierung mit starken Schauwerten

Ein Blick auf das Bühnenbild von „Kasimir und Karoline“
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Glückssuche vor Gruselclown, Monstern, Schießstand und Pissoir: Ein Blick auf das Bühnenbild von „Kasimir und Karoline“.

Bereits 1932 feierte Ödön von Horvaths „Kasimir und Karoline“ Premiere, Alize Zandwijk inszeniert das Volksstück nun am Theater Bremen im Schatten des Gruselclowns.

Bremen – Ein junger Mann verliert erst den Job und dann seine große Liebe, während oben am Himmel ein Zeppelin trügerisch eine bessere Zeit verspricht: So könnte man den Inhalt von Ödön von Horvaths Volksstück „Kasimir und Karoline“ zusammenfassen, das 1932 in Leipzig uraufgeführt wurde. Am Samstag feierte es in der Inszenierung von Alize Zandwijk seine Premiere im Bremer Theater am Goetheplatz.

Auch bei Zandwijk ist der Zeppelin allgegenwärtig, allerdings nur im Text, als Metapher und als Bild im Kopf – die „echten“ Bilder auf der opulent eingerichteten Bühne zeigen unter anderem einen fiesen Clownskopf in „Es“-Manier und einen zum Monster mutierenden Gollum. Auch ein Schießstand mit kopfüber hängenden Babypuppen als Preisen und ein im Laufe des Abends oft genutztes Pissoir sind auf den drei Ebenen des Bühnenbildes zu sehen. Und ja, der Clownskopf speit sogar Nebel aus – so was nennt sich wohl prallstes Theater!

Teil einer Geisterbahn-Kulisse

All das kommt nicht von ungefähr, denn diese Bilder sind Teil einer Geisterbahn-Kulisse – das Stück spielt auf einem Rummelplatz. Speziell die beiden Grusel-Gestalten können mit ihren großen geöffneten Mäulern aber auch für das stehen, was die meisten Figuren in diesem Stück antreibt – für das Streben nach Glück, das häufig im Prinzip „fressen oder gefressen werden“ mündet.

„Da fliegen droben zwanzig Wirtschaftskapitäne und herunten verhungern derweil einige Millionen!“, lässt Horvath seinen Kasimir zu Karoline sagen – und hinterherschieben: „Ich scheiß Dir was auf den Zeppelin, ich kenne diesen Schwindel“. Es entsteht ein Streit, und dieser Streit der beiden Protagonisten ist es, der die Handlung vorantreibt und die beiden Liebenden letztlich im Rummelplatz- und Alkoholrausch in den Armen von anderen landen lässt; andere, die selbst auf der Suche nach dem Glück sind. Nach dem Glück in Krisenzeiten, damals wie heute. „Whitey on the moon“ singt Manuela Fischer als eine der Darstellerinnen der Karoline; jenes tolle Stück Musik von Gil Scott-Heron, das der Soul-Poet schon 1970 geschrieben hat, also genau zwischen der Hoch-Zeit des Zeppelins und den umgesetzten All-(Machts)-Träumen von Millionären wie Jeff Bezos.

Stück passt wunderbar in die heutige Zeit

Nicht nur durch diesen musikalischen Kniff schafft Alize Zandwijk mühelos die Verbindung zwischen dem in den Zeiten der Weltwirtschaftskrise geschriebenen Stück und dem Jetzt. Obwohl vor fast 100 Jahren verfasst, passt es wunderbar in die heutige Zeit – würde Horvath im Jetzt leben, wäre er kaum drumherum gekommen, die Youtube-Generation, die Blogger und Influencer zu thematisieren; die alten weißen Männer indes gab es damals wie heute, entsprechend kommen sie auch bei Zandwijk vor – so negativ besetzt wie nur möglich.

Guido Gallmann und Ferdinand Lehmann spielen die alten Herren Rauch und Speer, mächtige, aber eklige Individuen auf der Suche nach amourösen Abenteuern. Die Regie lässt sie zunächst geifernd und maskiert durch die Kulissen toben, als Teil der Geisterbahn, ehe sie sich zumindest ihrer Masken entledigen – was sie angesichts ihrer Texte und Taten aber keineswegs sympathischer macht. Inszenatorisch sind gerade die Eskapaden von Rauch und Speer bisweilen etwas des Guten zu viel, wie es überhaupt die eine oder andere Idee nicht gebraucht hätte – im Gesamtkonzept ist das verzeihbar.

Kasimir und Karoline (hier Manuela Fischer und Rodrigue Kassimo) werden von drei Paaren gespielt – und das Stück in zwei Sprachen auf der Bühne aufgeführt.

Denn im Zentrum steht und bleibt das titelgebende junge Paar – und das, wie schon angedeutet, gleich dreifach. Den Hauptpart übernehmen Mirjam Rast und Emil Borgeest, neugierig-verspielt die eine, zurückhaltend der andere; Karoline wird zudem von Manuela Fischer und Maria Tomoiaga verkörpert, Kasimir von Rodrigue Kassimo und Patrick Balaraj Yogarajan. Diese Mehrfachbesetzung ist zunächst verwirrend und führt zu einigen Längen, schafft aber auch besondere Möglichkeiten:

Wie „Kasimir II“ seine Rolle plötzlich leid ist und zur Figur des ansonsten von Christian Freund gespielten Zuschneiders Schürzinger wechselt (der die Karoline verehrt und sie am Ende auch bekommt), ist wunderbar anzuschauen und macht auch inhaltlich Sinn. Schöner Nebeneffekt: Durch die internationale Dreifach-Besetzung, die Zweisprachigkeit auf der Bühne (deutsch und französisch) und die englischen Übertexte wird die Inszenierung so divers wie selten eine zuvor.

Sehenswerte Inszenierung

Bleiben noch Merkl Franz und seine Erna: Als Gauner, der einen nicht unerheblichen Einfluss auf Kasimir ausübt, ist Alexander Swoboda einmal mehr einer der stärksten Darsteller in einem insgesamt überzeugenden Ensemble; als Erna steht ihm Shirin Lilly Eissa mit ihrem vielschichtigen Spiel in nichts nach.

Unter dem Strich bleibt eine sehenswerte, in weiten Teilen schrille, dann wieder textintensive Inszenierung eines nach wie vor guten Stückes mit starken Schauwerten (Bühne: Thomas Rupert, Kostüme: Anne Sophie Domenz), und der (allerdings nicht neuen) Erkenntnis: nichts ist in schwierigen Zeiten so schwer zu erlangen wie ein kleines bisschen Glück – besonders für die, die schon unten sind.

Weitere Vorstellungen

„Kasimir und Karoline“ ist heute sowie am 9., 14., 20., 23. und 29. Oktober zu sehen. Außerdem steht das Stück am 11., 17. und 26. November auf dem Spieplan, jeweils um 19.30 Uhr.

Von Frank Schümann

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