Die Gesellschaft für aktuelle Kunst in Bremen zeigt Till Krause

Karten über Karten

So sieht die Achse Kiel-Hamburg in der Detailaufnahme auf Höhe von Boostedt in Schleswig-Holstein aus – allerdings nur in der neuen Ausstellung in der Gesellschaft für aktuelle Kunst. - Foto: Till Krause

Bremen - Von Rolf Stein. Hätten Sie‘s gewusst? Zwischen Kiel und Hamburg verläuft eine gerade, rund 100 Kilometer lange Linie. Wobei: Natürlich ist die erst einmal nur gedacht und wurde es sicherlich auch schon vor Till Krause, der regelmäßig auch auch mit dem Hamburger Künstlerprojektraum Galerie für Landschaftskunst zusammenarbeitet. Krause wiederum hat diese gerade Linie nicht nur gedacht, sondern ist sie im Anschluss auch noch abgegangen.

Es ist ohne Weiteres ersichtlich, dass das nicht immer einfach ist. Sonst wäre diese Linie wohl längst eine Autobahn. Was dem (und dem Wanderer) im Wege steht, hat Krause penibel festgehalten. Sehr penibel. Eine Shopping Mall, ein Kaufhaus, ein Bierkistenstapel, Gärten (377 an der Zahl), ein militärisches Sperrgebiet, neun Flüsse und etliches mehr. Womit er im Grunde nichts anderes getan hat als das, was Landvermesser seit Jahrhunderten tun. Das Unbekannte zu vermessen, fassbar zu machen, nutzbar auch. Nur eben nicht aus politökonomischen Gründen, sondern aus freieren. Denen der Kunst nämlich.

Methodisch ganz ähnlich vermaß er die Achse Kiel-Hamburg nach weiteren Kriterien: Handy-Empfang, der Anteil der öffentlichen Räume, Blick- und Raumabschnitte und anderes hielt er mit Akribie fest und fertigte daraus Landkarten. Die nehmen derzeit den Raum der Gesellschaft für aktuelle Kunst in Bremen (Gak) ein, erschließen über die These einer gerade Linie das Land zwischen Kiel und Hamburg neu, erweitern unser Wissen darüber – und sind schließlich auch noch zu einer Partitur verdichtet, die bislang allerdings leider noch niemand zum Klingen gebracht hat.

Weil nun diese Kartographierung schon 15 Jahre zurückliegt, hat Krause weitere, jüngere Arbeiten beigesellt, die sich mehr oder weniger direkt darauf beziehen. Vergrößerte Ausschnitte von Landkarten, im Rahmen der Arbeit an der Achse bearbeitet, flankieren die auf Tischen aufgebrachten, großen Karten, während Insignien politischer Räume, wie Wimpel und Flaggen, die hintere Wand des Ausstellungsraums bedecken oder von der Decke hängen. Allerdings nicht einfach so, sondern mit einem Alphabet bemalt und damit symbolisch angeeignet, das seinerseits Symbole zu Buchstaben umwertet und somit die Frage stellt, die Krause in einem Künstlermanifest zurück in die Landschaft gebracht hat: „Die Gelegenheit muss genutzt werden, zu fragen, welche freien Gründe jenseits von Gesetzgebung, Willkür und Religion es legitimieten, Land als Besitztum zu behandeln und Herrschaft darüber auszuüben.“ In diesem Sinne ist Krauses Arbeit so politisch wie poetisch. Weshalb der Titel der Schau, „Briesener Zootzen“, passt, wie die Faust aufs Auge: Kein exotisches Traditionsgericht verbirgt sich hinter dem geheimnisvollen Namen, sondern ein 300-Seelen-Ort im Brandenburgischen. Was Krauses Methode der Aneignung und Neuvermessung ganz schön zuspitzt und zugleich umspielt.

Till Krause: „Briesener Zootzen“, bis zum 12. Februar, Gesellschaft für aktuelle Kunst, Bremen.

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