Karneval der Liebe

Bremer Shakespeare Company inszeniert eine karnevaleske Screwball-Komödie

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Ithica Tell (l.) könnte mit ihrer kräftigen Soulstimme manch ein Feuerwek entzünden – wenn man sie denn ließe. 

Bremen - Von Jens Laloire. Eine gemütliche Bar irgendwo in New Orleans. „Shakespeare Café“ heißt der Laden, aber einen Kaffee oder Cappuccino trinkt hier niemand. Die Betreiberin Ursula schenkt meistens Bier, Wein oder Hochprozentiges aus. Ihre Gäste benötigen den Alkohol offenbar, um ihre Eifersucht oder ihren Liebeskummer zu betäuben.

Oder um sich Mut anzutrinken, damit es ihnen endlich gelingt, ihrem Objekt der Begierde die eigenen Gefühle zu gestehen. Für ein solches Geständnis wäre momentan nicht der schlechteste Zeitpunkt, denn der Karneval treibt sein Unwesen – genauer gesagt: Es ist „Mardi Gras“, der fette Dienstag, an dem der Karneval seinen letzten Höhepunkt feiert, bevor am Tag darauf, am Aschermittwoch, die Masken fallen und alles vorüber ist.

Ursulas Kneipe ist Dreh- und Angelpunkt einer Eigenproduktion der Regisseurin Elizabeth Huffman hat am Donnerstagabend in der Bremer Shakespeare Company ihre Premiere gefeiert. Im Stück tummeln sich allerlei Liebesnarren, die dem Werk William Shakespeares entschlüpft zu sein scheinen. Was auch immer die Figuren aus dem Elisabethanischen Theater in die Südstaaten verschlagen haben mag, sie alle sind mehr oder weniger bereit, sich ins Abenteuer zu stürzen. Da sind zum Beispiel Julia (Petra-Janina Schultz) und Will (Simon Elias), ein zwischen Leidenschaft und Eifersucht furios hin- und herpendelndes Paar. Oder da ist der schüchterne Junggeselle Orlando (Tim D. Lee), der einsam an einem der Tische in der Bar hockt und Rosalind (Svea M. Auerbach) aus der Ferne anschmachtet, statt auf sie zuzugehen. Stattdessen schreibt er seiner Herzensdame anonym Liebesgedichte, die er in die Gummibäume, Yuccapalmen oder Lampen des Shakespeare Cafés hängt, wo sie die anderen Gäste entdecken und belustigt laut vorlesen. Doch auch Rosalind schwärmt insgeheim für Orlando, misstraut seiner Liebe aber und verkleidet sich daher als Mann, um den Gefühlen ihres Favoriten auf den Grund zu gehen.

Wilde Melange mit berühmtem Personal und rasanten Dialog-Sequenzen

Shakespeare-Kenner werden wissen, dass es sich bei Orlando und Rosalind um die zwei Protagonisten aus der Komödie „Wie es euch gefällt“ handelt. Es ist nur eines von mehreren Shakespeare-Dramen, auf dessen Personal, Handlung und Text Huffmans Inszenierung „Bon Temps Roulez At The Shakespeare Café” zurückgreift.

Das Stück ist eine wilde Melange mit berühmtem Personal und rasanten Dialog-Sequenzen aus dem Œuvre des englischen Dramatikers. Hinzu kommt eine ordentliche Portion Musik, die allerdings nicht von Shakespeare stammt, sondern aus dem traditionsreichen Fundus des Blues, Cajun und Zydecoz. Daraus ergibt sich eine leicht krude Mischung aus Südstaatenklängen und wunderbar geschwollenem Shakespeare-Palaver.

Das ist an sich recht unterhaltsam, doch überraschenderweise wird vor allem bei der Musik das vorhandene Potenzial nicht voll ausgeschöpft. Mit dem Musiker Andy Qunta (am E-Piano und der Gitarre) und der Sängerin Ithica Tell – die die Bar-Betreiberin Ursula spielt – ist ein Duo auf der Bühne, das immer wieder andeutet, welche musikalischen Feuerwerke es zu entzünden vermag. Während des insgesamt zweieinhalbstündigen Abends (inklusive Pause) darf Tell sich jedoch nur zwei-, dreimal den Raum nehmen, um ihre kräftige Soulstimme über einen kompletten Song zu entfalten. Ansonsten werden Lieder häufig bloß angerissen oder von anderen Akteuren – allerdings teilweise durchaus ergreifend – gesungen, während die Musik des Öfteren vom Band kommt.

Fechten, hechten, schwofen 

Neben Text und Musik gibt es vor allem viel Bewegung und Körperlichkeit auf der liebevoll als Bar gestalteten Bühne (Heike Neugebauer) zu sehen. Da ringen die insgesamt zehn Akteure des durchgängig überzeugenden Ensembles auf Sesseln, Sofas und Tischen miteinander, fallen auf dem nackten Boden knutschend übereinander her, prügeln sich mit Kissen, fechten mit Schwertern, verstecken sich hinter Topfpflanzen, hechten über den Tresen und schwofen schließlich liebevoll miteinander vereint im Rampenlicht.

Das alles passiert auf äußerst komödiantische, teils slapstickhafte Art und Weise. Wie in einer Screwball-Komödie prallen die Gegensätze der Männer und Frauen aufeinander, schießen die teils mit derben Ausdrücken gespickten Sätze rasant zwischen den (noch verhinderten) Liebespartnern hin und her. Und immer wieder fliegen Türen schwungvoll auf, um gleich darauf wieder lautstark zugeschlagen zu werden – Hauptsache es knallt und die Pointen sitzen.

Diese dynamische Mischung aus Musik, Slapstick und Wortwitz sorgt beim Premierenpublikum für viele Lacher und heitere Stimmung; nicht zuletzt bei jenen, die links und rechts auf der Bühne auf Sesseln – und damit mitten im Geschehen – sitzen dürfen. Achtmal gibt es dazu noch Gelegenheit, dann endet auch der Karneval in der Bremer Shakespeare Company.

www.shakespeare-company.com

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