Karikaturenmuseum blickt ins 19. Jahrhundert

Mit einer guten Portion Skepsis

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Die Eisenbahn als Raupe.

Hannover - Von Jörg Worat. Nein, so richtig glücklich werden die Herrschaften mit ihren sonderbar geformten Fahrzeugen nicht. Das eine explodiert, das andere kippt in einen Abgrund, das dritte bewegt sich erst gar nicht von der Stelle. Der Sportskamerad in der Luft hat kein besseres Los gezogen: Seinem Flugapparat ist ein Flügel abhanden gekommen. So sah Robert Seymour 1835 die Entwicklung der Fortbewegung – das Blatt ist Teil der Ausstellung „Technische Paradiese. Die Zukunft in der Karikatur des 19. Jahrhunderts“ im Wilhelm-Busch-Museum in Hannover.

Die Technik: Fluch oder Segen? Genrebedingt steht hier natürlich der erstgenannte Aspekt im Vordergrund. Ein Blatt von 1842 führt vor, wie „Dampfwagen und Dampfpferde“ genau ein Jahrhundert später im Wiener Prater aussehen könnten. Mit viel Rauch, feuerspeienden Rohren teils in Schlangengestalt und einem bereits zu Boden gegangenen Reisenden würde die Darstellung auch in jede Sammlung surrealistischer Kunst passen. Dass die Welt 1942 ganz andere Probleme haben würden, konnte Zeichner Johann Christian Schoeller, nach dessen Vorlage diese Radierung entstand, ja nicht ahnen.

Und was ist mit der altehrwürdigen Kathedrale Notre Dame passiert? Albert Robida sah die Zwillingstürme 1883 durch geschmacklose Aufbauten inklusive eines zweistöckigen Restaurants verunstaltet und von fischförmigen Luftschiffen umschwebt. Apropos Luft: Der allgemeinen Begeisterung über die Möglichkeiten, den Himmel per Ballon zu erobern, stellten die Karikaturisten eine gute Portion Skepsis entgegen, wohl befeuert durch das Schicksal des bekannten Fotografen Nadar, der 1863 bei einem Absturz in der Nähe von Neustadt am Rübenberge schwere Verletzungen davontrug. Immerhin noch besser als das, was dem Ballonfahrer auf einer Lithografie von Osvaldo Tofani aus dem Jahr 1899 widerfährt – der kühne Pilot taumelt nämlich hoch über den Dächern kopfüber aus seiner Gondel.

An großen Namen mangelt es der Schau nicht. Als da wären Honoré Daumier, George Cruikshank oder James Gillray, von Grandville ist eine fantastische Brücke zwischen den Planeten zu sehen, und Wilhelm Busch höchstselbst mischt ebenfalls mit. Ergänzend sind Objekte wie eine alte Kamera ausgestellt, und auch dieses Thema wurde gern mit spitzer Feder aufgegriffen: Wer damals fotografiert werden wollte, musste leiden, landeten die Köpfe der Porträtierten doch angesichts der langen Belichtungszeiten in Schraubstöcken.

Günstig (19 Euro) und empfehlenswert ist der Ausstellungskatalog, der so beachtliche Zitate enthält wie jenes von Robida, der 1919 über die Menschen der Zukunft orakelte: „Sie werden ihren Alltag im Räderwerk einer total mechanisierten Welt verbringen, in einem Maße, dass ich mich frage, wie sie noch die einfachsten Freuden genießen wollen, die uns zur Verfügung stehen: Stille und Einsamkeit. Aber da sie all das überhaupt nicht kennengelernt haben werden, wird es ihnen auch nicht fehlen.“

Noch ein Tipp: Das Busch-Museum zeigt parallel fetzige Karikaturen von Gerhard Haderer (die Kreiszeitung berichtete). Wer beide Ausstellungen bei einem Besuch sehen will, sollte unbedingt mit den „Technischen Paradiesen“ anfangen – deren feine Details kommen nach einer Haderer-Dröhnung nicht mehr so gut zur Geltung. Zu sehen bis zum 9. Juli.

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