„Puppenfantasien“ im Schlachthof Bremen

Es kann nur eine geben

Olga Bauer mit Puppe - Foto: Benjamin Eichler

Bremen - Von Rolf Stein. Wenn Pastoren Alarm schlagen, ist ein wenig Vorsicht geboten, vor allem dann, wenn es um Sex geht. Als vor acht Jahren Jugendpastor Bernd Siggelkow, Gründer des Berliner Jugendwerks „Arche“, und dessen Sprecher, Wolfgang Büscher, das Buch „Deutschlands sexuelle Tragödie: Wenn Kinder nicht mehr lernen, was Liebe ist“ veröffentlichten, war die Aufmerksamkeit groß. Die Geschichten, die sie da erzählten durften allerdings nicht nur brave Christen schaudern lassen.

Von einem Jungen war da die Rede, der bereits mit 170 Frauen Sex gehabt haben wollte, von einem Mädchen, das berichtete, im Alter von 12 Jahren bereits mit 40 Männern geschlafen zu haben, von Neunjährigen, die im Elternhaus Pornos sahen. Dazu noch Mädchen, die sich eine Packung Pillen teilen, Jungs, die wegen angeblicher Latex-Allergie keine Kondome benutzen, und derlei mehr. Begegnet waren ihnen diese jungen Menschen in Berliner Problemkiezen mit hoher Arbeitslosigkeit und materieller Armut, mit zerrütteten Familienverhältnissen und bedenklich leichtem Zugang zu Pornografie. Droht also der Untergang des Abendlandes?

Siggelkows und Büschers Thesen wurden damals durchaus kontrovers kritisiert. Zumindest lasse sich „keine seriöse Studie, die einen Trend zu sexueller Verwahrlosung bestätigt“, finden, erklärte beispielsweise eine Sprecherin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, die allerdings nicht leugnen wollte, dass in „schwierigen sozialen Milieus“ nicht nur Probleme mit Drogen oder Ernährung existierten, sondern durchaus auch mit Sexualität. Dass Armut und Ausgrenzung dazu führen, dass sich junge Menschen in dem Wertekanon der Gesellschaft nicht mehr wiederfinden, ist, das versteht sich von selbst ein Problem auch für jene.

Die Theaterpädagogin Isabelle Heyne hat sich das Thema in ihrer neuen Performance-Produktion „Puppenfantasien“ vorgenommen. Wer den berüchtigten Zeigefinger darin sucht, muss allerdings viel Fantasie haben. Die Referenzen zum Buch sind punktuell, hier gibt es kein Schock-Theater, das uns über den Schauder des Authentischen packen will. Stattdessen eher assoziative Szenen, die die Performerinnen Olga Bauer und Shalün Schmidt zwischen Sprache und Tanz subtil ausloten, gerahmt und unterlegt mit den faszinierenden Klanglandschaften des italienischen Komponisten Riccardo Castagnola.

Anstatt also voyeuristisch auf das Prekariat zu schauen, lässt die Inszenierung auf diese Weise zum Glück eine allgemeinere gesellschaftliche Lesart zu. So wird über eine Art Casting-Szene der Konkurrenzgedanke in die Debatte eingeführt, der bekanntlich keineswegs nur im Prekariat seine nicht allein segensreiche Wirkung tut. und Deutschlands Top-Model kann schließlich immer nur eine werden.

Weitere Vorstellungen: Mittwoch, Samstag und Sonntag, 20 Uhr, Theater im Schlachthof, Bremen.

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