„Kampf um Vorherrschaft"

Der Kontinent, rein geopolitisch betrachtet

+

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Nach mehr als sechs Jahrhunderten und siebenhundert Seiten, die Zielgerade liegt schon in Sichtweite, möchte man vor Beifall laut ausrufen.

Im Gefühl der Sicherheit in einem Ring aus demokratischen Marktwirtschaften, heißt es da, habe Deutschland in den vergangenen Jahren begonnen, „sich von der Welt abzusetzen und sich immer stärker auf die Pflege des eigenen Wohlstands“ zu konzentrieren. Jawohl, das trifft‘s! Die Bundesregierung, so weiter, folge einer Politik des „engstirnigen fiskalischen Vorteils“, die zuerst die Europäische Union zerstört und danach die eigene ökonomische und strategische Sicherheit. Zustimmung! Allein die nationalen Egoismen im Umgang mit so einem winzigen Gegner wie dem libyschen Regime lassen keinen Zweifel daran, dass Europa Auseinandersetzungen mit Großmächten wie Russland nicht im Entferntesten gerüstet ist. Oh ja!

Es ist ein gleichermaßen düsteres wie erhellendes Bild, das Brendan Simms im Fazit seiner Abhandlung „Kampf um Vorherrschaft“ von Europa und Deutschland insbesondere zeichnet. Und doch: Wie spät wird der Leser mit solch fundierter Kritik für seine Lektüre belohnt! Lange, allzu lange muss er sich zuvor mit einer nüchternen, distanziert chronologischen Erzählweise begnügen. Mit einem historischen Abriss der Geschichte Europas auf der Basis einer zwar nicht unbedingt neuen, aber doch naheliegenden Prämisse: dass sich nämlich diese Geschichte von 1453 an bis heute immer am Schicksal der Deutschen entzündet hat, jener Mittelmacht, die der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger einmal als zu groß für ihren Kontinent, aber zu klein für die ganze Welt bezeichnet hat.

Simms legt dar, wie bereits der Westfälische Frieden 1648 vom ambivalenten Verhältnis Europas zum Heiligen Römischen Reich deutscher Nation geprägt war. Einerseits war man in Sorge um die Stabilität dieser zentralen Macht, andererseits sollte sie auch wieder nicht so stabil sein, dass sie zu einer Bedrohung für ihre Nachbarn zu werden vermochte. Die Lösung sahen vor allem Frankreich und Schweden in einem dauerhaften Interventionsrecht, von dem vor allem Frankreichs Sonnenkönig Ludwig XIV. intensiven Gebrauch machen sollte.

Mit der Hochzeit der Habsburger Erzherzogin Maria Antonia sollte später sein Nachfolger Ludwig XVI. versuchen, der Bedrohung von preußischer Seite entgegenzuwirken. Dass ihm ebendieses Bündnis in Verbindung mit der höfischen Verschwendungssucht im Vorfeld der Französischen Revolution zum Verhängnis wurde, ist bekannt. Interessant ist die Überlegung, dass der längst in einem fatalen Teufelskreis aus Kreditklemme und militärischer Schwäche gefangene König seinen Sturz (und seine Hinrichtung) mit einem beherzten Angriff hätte abwenden können: Ein mutiges Eingreifen im preußisch besetzten Holland wäre geeignet gewesen, den Hauptgegner direkt zu treffen und damit auch im eigenen Land verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen.

Es gibt manche aufschlussreiche Einblicke in diesem Buch, etwa die durchaus positive Haltung Großbritanniens gegenüber dem jungen deutschen Reich, dessen Gründung 1871 auf der Insel als willkommenes Beschäftigungsprogramm für den alten Rivalen Frankreich verstanden wurde. Auch nach dem Ersten Weltkrieg war man sich in London der Vorzüge eines wehrhaften Deutschlands als Pufferzone bewusst. Winston Churchill warnte in seiner Funktion als Kriegsminister vor einer allzu harten Bestrafung des unterlegenen Feindes: Ein „ohnmächtig darniederliegendes“ deutsches Reich würde bedeuten, dass „die Russen innerhalb sehr kurzer Zeit bis an die Küsten des Atlantiks vormarschieren können“.

Und doch leidet Simms‘ Abhandlung unter ihrer eigenen Struktur. Es ist dies der Versuch, europäische Geschichte auf ihre rein geopolitischen, in Deutschland kulminierenden Interessensverschiebungen herunterzubrechen. Das muss zwangsläufig zu Vereinfachungen und Verkürzungen führen, die der Leser nicht immer so bedenkenlos mitmachen möchte. Da findet das Phänomen des islamistischen Fundamentalismus seine Erklärung in einer allzu geraden Linie von der Niederlage des Osmanischen Reichs vor den Toren Wiens 1683 (die in den Augen vieler Muslime einem Mangel an Frömmigkeit geschuldet gewesen sein soll) über den Kampf gegen das kommunistische Regime Mohammed Nadschibullahs in Afghanistan bis hin zur Erfahrung ausgebliebener Hilfe aus dem Westen im bosnischen Völkermord.

Auch die Begründung des aktuellen Spannungsverhältnisses zwischen Europa und Russland erscheint auf problematische Weise monokausal. Ob etwa die Sowjetunion im Zuge der deutschen Wiedervereinigung dem Westen tatsächlich das Versprechen auf einen Verzicht der Nato-Osterweiterung abgerungen hat, ist außerordentlich umstritten – bei Simms wird die These kurzerhand zum Faktum erklärt.

So führt diese „deutsche Geschichte Europas“ zwar zu einer treffenden Diagnose unserer Zeit. Die Methode aber hat ihre Schwächen. Vielleicht bleibt das gar nicht aus in einem Buch über ambivalente Kräfteverhältnisse wie jenes der Deutschen zu Europa.

Brendan Simms: „Kampf um Vorherrschaft – eine deutsche Geschichte Europas“, übers. v. Klaus-Dieter Schmidt, Deutsche Verlagsanstalt: München 2014; 896 Seiten, 34,99 Euro.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Die Trends bei der Weihnachtsdekoration

Die Trends bei der Weihnachtsdekoration

Wie werde ich Fahrzeugbaumechaniker/in?

Wie werde ich Fahrzeugbaumechaniker/in?

Hallo-Verden-Festival in der Stadthalle

Hallo-Verden-Festival in der Stadthalle

Band Aha spielt vor ausverkaufter Bremer Stadthalle

Band Aha spielt vor ausverkaufter Bremer Stadthalle

Meistgelesene Artikel

Im barocken Zaubertheater

Im barocken Zaubertheater

Wiedergänger mit Herz

Wiedergänger mit Herz

Wahn und Wirklichkeit

Wahn und Wirklichkeit

„Blechtrommel“ in Bremerhaven: Grass-Klassiker als gut geöltes Bildertheater

„Blechtrommel“ in Bremerhaven: Grass-Klassiker als gut geöltes Bildertheater

Kommentare