Kampf der Knubbelnasen

Sascha Hommer hält der Welt in „Spinnenwald“ einen Spiegel vor

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Seltsame Kreaturen leben im „Spinnenwald“ von Sascha Hommer (r.).

Syke - Was gehen einen schon „Waltrauder“ an, was „Punkis“ – und was diese riesigen fliegenden Augen? Selbst wer gegenüber der Fantasy nicht eh feindselig eingestellt ist, kann kirre werden bei all diesen fiktiven Ethnien, Dynastien, Spezies und was nicht noch. Es ist eine historisch gewachsene Ungerechtigkeit, dass es so stramm organisiert und durchsortiert ausgerechnet in einem Genre zugeht, wo theoretisch alles möglich wäre. Sascha Hommers Comic „Spinnenwald“ (Reprodukt) muss man zugute halten, dass es hier mit voller Absicht passiert – aus guten Gründen. Aufmerken lässt bereits, dass Hommer überhaupt Fantasy macht. So verbreitet ist das schließlich nicht in der Kunstcomicszene, der man den ehemaligen Feuchtenberger-Schüler und heutigen Lehrer an der Hochschule für angewandte Wissenschaften durchaus zuschlagen kann. Wobei das keine Scheuklappen unterstellen soll: Hommer ist auch als Mitinitiator des jährlichen Comicfestivals Hamburg bekannt, das zuverlässig völlig allürenfrei über sämtliche Tellerränder hinaus stürmt.

„Spinnenwald“ ist Hommers bislang bester Band – und zugleich ein großer Schritt zurück zu seinen Anfängen. In „Insekt“ hatte er bereits 2006 metaphorisch mit fantastischen Elementen gearbeitet. Um Einzelgänger ging es da und auch grundsätzlicher um das Fremdwerden mit der Welt. Später hat er sich an Literaturadaptionen versucht, an kurzen Strips, an Autobiografischem und zuletzt an der Reisereportage „In China“.

Die neue Geschichte handelt nun von Jugendlichen, die – ohne es recht zu wissen – in einer Art Reservat oder Gehege leben. Drumherum steht jedenfalls eine große Mauer, im Unterholz hausen sonderbare Schleimwesen, an den Grenzen wachen fliegende Wesen darüber, dass keiner abhaut. So schematisch und unvollständig das klingt: Mehr Überblick haben die Figuren des Comics auch nicht. Ihre Jäger- und Soldatengesellschaft wurschtelt sich durch und verschüttet ihre bescheidenen Erkenntnisse über das Wesen der Welt unter höchst deutungsoffenen Prophezeiungen, Tabus und Regeln.

Schon zeichnerisch fügen sich die Menschen ohne Widerspruch ins System. Es sind stark stilisierte Figuren mit je einem herausragenden Merkmal: Albi trägt eine Augenklappe, während bei Dan die Haare im Gesicht hängen. Dass sie ansonsten alle gleich aussehen, liegt nicht an zeichnerischer Faulheit. Es dürfte vielmehr eine Menge Arbeit gemacht haben, dieser einen vergesellschafteten Figur so viel Leben einzuhauchen. Sie altert sogar: Es gibt Kinder mit großen Köpfen, die bis zur Adoleszenz in die Länge gezogen werden, als Erwachsene dann wie aufgepustet immer dicker werden – um im Endstadium wieder zu schrumpfen, Warzen auszubilden und zu einer Art Meister Yoda zu mutieren.

Wer will, kann „Spinnenwald“ als spekulatives Gesellschaftsbild unter Laborbedingungen lesen und es Science Fiction nennen. Mehr Spaß hat hingegen, wer sich auf die Queste der jungen Helden einlässt und es Fantasy sein lässt. Interessant ist, dass tatsächlich beides geht. Wobei es lohnt, der Genretopografie nachzugehen. Mit eskapistischen Selbstzweckgeschichten in märchenhaftem Setting mit Zauberei und Rassenstereotypen (Kennste einen Zwerg, kennste alle) hat „Spinnenwald“ nichts zu tun. Man denke an Tolkien, der bekundet hat, „eine herzliche Abneigung gegen Allegorie“ zu haben und darum angeblich auch keine zu schreiben. Hommers Geschichte hingegen will etwas von der Echtwelt und weiß auch eine Menge über sie.

Ja, es schreit geradezu nach Interpretation, wie sich diese Handvoll Knubbelnasen im Dorf am Spinnenwald religiösen Lehren unterwirft, in Klassen oder Kasten organisiert und ihre schrullige Liebenswürdigkeit gerade noch mitnimmt, während das Individuum zum Funktionsträger verkommt. Jedes Wesen hat eine Funktion in der Geschichte wie auch in der Welt. So wie Morlocks und Eloi in H.G. Wells’ „Die Zeitmaschine“ die Klassenfrage nachspielen. Und wer das verpasst hat – dem fallen sicher ein- bis zweihundert „Star Trek“ Folgen ein, die auch so funktionieren. Wenn Hommer nun seine Geschichte über solche Geschichten erzählt, ist das auch ein Akt der Rebellion. Gegen willkürliche Gesetze in und außerhalb der Literatur – und dagegen, sich zur passgenauen Figur machen zu lassen. „Spinnenwald“ ist ein unerwartet forderndes Buch darüber, dass die Welt viel größer ist, als sie manchmal tut.

Lesen

Sascha Hommer: Spinnenwald. Reprodukt, 152 Seiten Klappenbroschur, 18 Euro

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