Kammerphilharmonie interpretiert Mozarts Requiem-Fragment

Irisierender Torso

+
Auch musikalisch eine runde Sache: der Chor des Bayerischen Rundfunks.

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze. Das Publikum war so atemlos still, wie ich es seit langem nicht mehr erlebt habe. Und dann brach ein seltener Applaussturm los. Es war ein Abonnementskonzert der deutschen Kammerphilharmonie Bremen. Und doch war an diesem Abend einiges, eigentlich alles anders. Markus Fein, Intendant der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern, hatte ein Programm gebaut, das meilenweit von allen „normalen“, mehr oder weniger glücklichen Zusammenstellungen entfernt war.

Gegenstand war Wolfgang Amadeus Mozarts mythenumranktes Fragment „Requiem“, das 1791 unvollendet geblieben ist, weil der 35-jährige Komponist darüber starb. Im achten Takt des „Lacrymosa“ bricht das Werk ab und stellt damit jeden Interpreten vor die Frage, was er mit dem Torso macht. Es gibt die Vervollständigung einiger Chorpartien, festlegter bezifferter Bässe, Instrumentationsnotizen von seinem Schüler Ignaz Xaver Süssmayr ebenso wie dessen Neukomposition der nicht vorhandenen Sätze. Und nach Süssmayr existieren bis zum heutigen Tag zahllose weitere Versuche.

Fein, der schon mehrfach durch hochinnovative dramaturgische Arbeiten aufgefallen ist, hat den weltberühmten Torso so gelassen, wie er ist und ergänzt durch andere Musiken, die Mozarts Musik aufregend beleuchten, ihrerseits aber eine vergleichbar hohe Qualität haben: so die Erdbebenmusik aus Joseph Haydns „Die sieben Worte des Erlösers“ nach dem Mozarts „Dies Irae“, die 1737 entstandene, geradezu wilde „Chaos“-Musik von Jean-Féry Rebel nach „Rex tremendae“. Die große „Warum?“-Motette von Johannes Brahms erfuhr durch den Kontext eine noch größere existentielle Vertiefung als es dieses Werk mit seinem 14-maligen „Warum?“ ohnehin schon bedeutet.

Weitere Aspekte lieferten die musikgeschichtlich weit vorgreifenden Sekundreibungen aus dem „Stabat mater“ des früh vollendeten Pergolesi, die chromatikgetränkte Begräbnismusik für Queen Mary von Henry Purcell und mehr noch dessen Todesszene der Dido mit dem unvergesslichen „Remember me“. Und nicht zuletzt: Johann Sebastian Bachs Kantate „Ich habe genug“. Als einen der Höhepunkte darf sicher das sechzehnstimmige „Lux aeterna“ mit seinen irisierenden und geheimnisvollen, scheinbar intervalllosen Klangflächen bezeichnet werden.

Das Konzept, das „Requiem für Mozart“ hieß, ging aus zwei Gründen so betroffen machend auf: einmal als Konzept in sich, das mit enormer Feinfühligkeit Mozarts Werk nicht in irgendwelche Kontexte zwingt, die dann vielleicht doch nicht stimmen, sondern „sich vor der großen Kunst Mozarts verbeugt“ (Fein).

Zum zweiten aber, und das ist fast wichtiger, durch die ebenso entschiedenen wie vorsichtigen Interpretationen durch die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen und den Chor des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Peter Dijkstra. Auch die zurückhaltende szenische Einrichtung – die Musiker kommen zu Beginn durch den Zuschauerraum hinein und verlassen ihn auch wieder, um das letzte „Lacrymosa“ auf den Emporen zu spielen, die Solisten sitzen an der Seite und treten nur zu ihrem Auftritt hervor – wirkte unaufdringlich und angemessen. Tadellos der Chor, mit kraftvollen Akzentuierungen und Tempi das Orchester. Die Solisten Christina Landshammer, Anke Vondung, Julian Prégardien und Konstantin Wolff und der Oboist Ulrich König boten jeder für sich ebenso Höhepunkte wie sensible Einfühlung in das Konzept.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Unwetter in Österreich: Hochwasser und abrutschende Hänge

Unwetter in Österreich: Hochwasser und abrutschende Hänge

Selfies auf Schienen und lebensgefährlicher Leichtsinn

Selfies auf Schienen und lebensgefährlicher Leichtsinn

Hongkong: Tränengas gegen Demonstranten

Hongkong: Tränengas gegen Demonstranten

Diese Weihnachtsdekoration liegt 2019 im Trend

Diese Weihnachtsdekoration liegt 2019 im Trend

Meistgelesene Artikel

Im barocken Zaubertheater

Im barocken Zaubertheater

Wiedergänger mit Herz

Wiedergänger mit Herz

Wahn und Wirklichkeit

Wahn und Wirklichkeit

„Blechtrommel“ in Bremerhaven: Grass-Klassiker als gut geöltes Bildertheater

„Blechtrommel“ in Bremerhaven: Grass-Klassiker als gut geöltes Bildertheater

Kommentare