In der Städtischen Galerie Bremen präsentieren sich Meisterschüler der Hochschule für Künste

Kalter Blick auf die Welt

Sieht aus wie Papier, ist aber Porzellan: Ulrike Linkes Zeugnisse verworfener Gedanken.

BREMEN (Eig. Ber.) n So sieht Denken aus. Zahlreiche Papierknäuel liegen auf dem Boden der Städtischen Galerie verstreut: Zeugen eines beständigen Ringens um eine Lösung.

Ein Konzept nach dem anderen wurde hier niedergeschrieben und wieder verworfen. Doch so flüchtig die Gedanken gewesen sein mögen, so starr erscheinen ihre Entsprechungen aus Papier. Es ist ja auch gar kein Papier, wie sich bei näherer Betrachtung herausstellt. Statt des biegsamen Zellstoffs hat sich hier weißes Porzellan zusammengefaltet. Ulrike Linke ist die Mutter dieser seltsam flüchtig-starren Installation. Als Elevin von Fritz Vehring vertritt sie in der diesjährigen Ausstellung der HfK-Meisterschüler die Keramikkunst. Mit ihrem bewusst unbestimmt gehaltenen Werk entspricht sie durchaus dem Trend: Geht es nach den diesjährigen Meisterschülern ist die klare politische Aussage weitgehend passé, das Interesse der neuen Generation gilt der Faszination des Denkens.

Chantalak Watanarudee hebt den abstrakt anmutenden Prozess im menschlichen Gehirn auf eine physisch begreifbare Ebene. Fußabdrücke aus Papier führen den Ausstellungsbesucher zunächst zu einer Treppe und dann, sofern er die Scheu vor dem Betreten eines Exponats überwindet, auf eine Anhöhe. Oben angekommen erweckt ein in den Boden eingelassener Bildschirm seine Aufmerksamkeit: Eine Zeichentrickfigur hebt an einem langen Seil den Deckel eines Märchenbuch auf, gibt somit die erste Seite frei. „Es war einmal“, steht da zu lesen, bevor sich allerlei mystische Fabelwesen zu erkennen geben. Plötzlich tauchen die weißen Fußabdrücke wieder auf. In der virtuellen Welt des Märchenbuchs tippeln sie von Seite zu Seite, umkreisen Bestien, Drachen und Prinzessinnen. Denken, sagt Chantalak Watanarudee, sei nichts anderes als Gehen und Gehen wiederum nichts weiter als Denken – was wiederum selbst ein interessanter Gedanke ist: Ist doch die geistige Entwicklung von Kleinkindern erwiesener Maßen stark von dem körperlichen Fortschritt abhängig.

Jochen Schneider begibt sich mit Papier und Bleistift in eine scheinbar „denkfreie“ Zone. In einem meditativen Prozess entstehen Skulpturen und Landschaften aus unzähligen kleinen Strichen. Und obgleich sich ihre Genese weitab von rationalen Erwägungen oder gar geometrischen Berechnungen vollzieht, hat es am Ende den Anschein, als habe hier ein Mathematiker gewirkt: Zwischen den Strichen werden unvermutet Kreise sichtbar, als gelte es, einen Binärcode zu erstellen.

Bei Maria Mathieu offenbart sich das berechnende Element schlichter. Ihre fast bis unter die Decke reichenden roten Vertikallinien weisen auf bestimmten Höhen Brechungen auf. Warum das so ist, lässt sich anhand eines Trickfilms erfahren, der in Endlosschleife über den Bildschirm rechts neben dem Exponat flimmert. Die Künstlerin ist darin als Strichmännchen zu sehen, das auf den Knien sitzend mit dem Zeichnen der Linie beginnt. Als die Länge des Armes nicht mehr ausreicht, um die Linie nach oben fortzusetzen, steht es auf – wodurch freilich der Stift leicht verwackelt. Wenig später ist auch im Stehen eine Fortsetzung der Linie nicht mehr möglich. Ein Stuhl muss her, wodurch erneut der Stift verrutscht. Das Ergebnis ist auf den ersten Blick durchaus verblüffend: Denn anders als vermutet, befinden sich die Unterbrechungen der Linien keineswegs alle in gleicher Höhe. Die Grenzen der körperlichen Handlung, so die Erkenntnis, können sich von Minute zu Minute verschieben.

Es fällt auf, dass sich die Meisterschüler der HfK ihrem Thema auf mehr konzeptionellem denn ästhetischem Weg nähern. Malerei ist kaum noch vertreten, es dominiert philosophische Reflexion, die sachliche Ausarbeitung einer These. Das ist legitim, in der Gesamtschau aber bedauerlich: Ein nüchterner, bisweilen kalter Blick auf die Welt dominiert die Ausstellung in der Städtischen Galerie, irrationale Elemente wie Ironie offenbaren sich nur selten.

(Bis 16. August in der Städtischen Galerie Bremen)

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