Brigitte Hamann lässt historische Dokumente die Geschichte des Ersten Weltkriegs erzählen

Kaiser und Generäle verlieren keine Kriege

Kreiszeitung Syke
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Syke - Von Johannes BruggaierBei Josef Tischer gab es die Dicke Bertha schon für 20 Heller. „Für unsere Kinder!“ versprach die Zeitungsanzeige des Spielwarenunternehmers aus Böhmen: „Täuschende Nachahmung des Getöses unserer größten Kanonen!“ Das Original aus dem Hause Krupp war da schon etwas kostspieliger.

Ein einziger Schuss aus dem Geschütz der kaiserlichen Armee soll mit rund 1 500 Reichsmark zu Buche geschlagen haben. Es sind Dokumente wie diese Annonce des böhmischen Spieleherstellers, die den Ersten Weltkrieg über seine rein faktische Dimension hinaus begreiflich machen: diese heute so irreal anmutende Diskrepanz von Schrecken und Idylle, von Horror und Niedlichkeit.

Es mag im Gedenkjahr gewichtigere Publikationen zu diesem Ereignis geben, Studien, die mit neuen Thesen zu Schuldfrage und historischer Einordnung aufwarten. Brigitte Hamanns Bildband „Der Erste Weltkrieg, Wahrheit und Lüge in Bildern und Texten“ aber vermittelt die Praxis zur Theorie, das Gefühl zum Verstand.

Unter Einsatz ihrer umfangreichen Sammlung von Propagandakarten, Plakaten, Karikaturen und Briefen hat die Wiener Historikerin bereits im Jahr 2004 ein, wie der Piper-Verlag es formuliert, „ganz anderes Buch zum ersten Weltkrieg“ veröffentlicht. Anlässlich der hundertsten Wiederkehr des Kriegsbeginns ist der Band nun in einer überarbeiteten Fassung neu erschienen.

Von herausragendem Interesse ist dabei das Bildmaterial der kaiserlichen Propaganda. Das gilt insbesondere für die Dokumente der Anfangszeit um 1914, wie etwa einer Karikatur, die das bevorstehende Gemetzel zu einem „Welt-Skat“ verklärt. Zu sehen ist der deutsche Soldat mit Schnauzer und Pickelhaube, die rechte Hand zur Faust erhoben, in der linken die Karten zu einem satten Grand. Resigniert lassen die Mitspieler, unter anderem ein konsternierter Franzose, ein entsetzter Russe und ein verbissen dreinschauender Engländer ihre Karten sinken – nur der österreichische Bündnisbruder lächelt fein. Der Krieg als Kartenspiel: So mag man sich ihn vorgestellt haben nach dieser ungewöhnlich langen Friedenszeit seit 1871. Dagegen kommt in der Plumpheit des Witzes, in der aggressiven Plakativität seiner Intention eine Mentalität zur Geltung, wie sie für das autoritäre Kaiserreich geradezu charakteristisch erscheint.

Auf Ansichtskarten lesen junge Frauen mit versonnenem Blick die „Ersehnte Botschaft“ ihres an der Front kämpfenden Bräutigams. Holprige Verse wie „Im Brausen der Schlacht, Geliebte mein / Denk‘ ich in treuester Liebe Dein!“ winden sich in verschnörkelten Lettern übers Bild. Da trübt kein Blut die heimische Idylle, der Krieg verkommt zum Abenteuerurlaub, der dem verliebten Teilnehmer bei Bedarf ein paar ruhige Minuten zum Dichten gönnt.

Die Zeit der Verniedlichungen findet spätestens mit der Schlacht um Verdun ein Ende, in deren Verlauf rund 700 000 Soldaten ihr Leben verlieren. An die Stelle der süßen Idylle tritt nun die Verherrlichung des Schreckens: sterbende Krieger, die in ihrer letzten Stunde von einem herbeifliegenden Adler mit dem Eisernen Kreuz belohnt werden. Die Ehefrau daheim tröstet derweil das lieblich vom Vater träumende Kind: „Mein Mütterlein sei nicht verzagt / Hat Gott mir doch im Traum gesagt, / wohl traf die Kugel Vater schwer, / Und doch verhieß er Wiederkehr!“

Nach der Katastrophe kündigt sich die nächste schon an. Denn auf der Suche nach Schuldigen für die Niederlage werden Nationalisten schnell fündig. „Deutsche! Befreit Euch von der Judenherrschaft!“, lautet der in Zeitungen geschaltete Appell des „Deutschen Schutz- und Trutz-Bundes“, dem eine Liste vielfältiger Verfehlungen der jüdischen Bürger während des Krieges vorangestellt ist – vom Vorwurf der Wucherei bis zum angeblichen Schleichhandel.

So zeigt sich in der Hetze ein wohlbekanntes Szenario. Gewonnen wird ein Krieg von Kaisern und Generälen. Für Niederlagen dagegen sind die Minderheiten zuständig.

Brigitte Hamann: „Der Erste Weltkrieg – Wahrheit und Lüge in Bildern und Texten“, Piper Verlag: München 2014; 192 Seiten; 19,99 Euro.

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