Ein Oldenburger „Prozess“ kämpft sich durch die Schablonen der Beklemmung

Kafkas Klischees

Ungebetener Besuch: Jemand muss Josef K. (Denis Larisch) verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wird er eines Morgens verhaftet. ·
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Ungebetener Besuch: Jemand muss Josef K. (Denis Larisch) verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wird er eines Morgens verhaftet.

Oldenburg - Von Johannes Bruggaier. Die Lage ist längst ausweglos, da ist dem Angeklagten der Trost eines gütigen Kaplans vergönnt. Es ist jene Art von Trost, wie ihn Kirchenmänner lieben: eine in fromme Worte gekleidete Hinrichtung.

Wie ein einzelner Mensch denn schuldig sein könne, wo wir doch alle schuldig sind, hatte die drängende Frage des mutmaßlichen Täters gelautet. Da habe er völlig recht, pflichtet ihm der Kaplan in sanftmütigem Singsang bei: „Aber genau so pflegen die Schuldigen zu sprechen.“ Eine ermutigendere Auskunft darf ein Angeklagter nicht erwarten, jedenfalls nicht, wenn der Kaplan Franz Kafka heißt.

Sein Roman „Der Prozess“ ist seit einigen Jahren verstärkt auf deutschen Bühnen zu finden. Es gibt gute Gründe dafür, und einer davon sind Szenen wie diese: plastische Bilder eines paradoxen Schuldempfindens, als wären sie eigens fürs Theater geschrieben worden.

In Oldenburg hat nun Regisseurin Christina Rast die Verhandlung eröffnet. Es ist ein „Prozess“, der lange Zeit unter der Hypothek seiner ästhetischen Setzung ächzt: einem umstandslosen Anschluss an die längst schon Klischee gewordenen Kafka-Codes.

Kafka auf der Bühne, das ist natürlich zunächst einmal beklemmende Dunkelheit mit bedrohlichem Uhrenticken. Da müssen blutleere Gestalten in schwarzen Mänteln und grauen Hüten umherlaufen, ihre Gesichter selbstredend gespenstisch fahl geschminkt. Natürlich findet man sich dann auch bald in klassisch kafkaesken Büroräumen mit zahllosen Türen (Einrichtung: Franziska Rast) wieder, aus denen dubiose Kollegen ein- und ausmarschieren, sofern sie nicht gerade beängstigend aggressiv auf ihre Schreibmaschinen einhämmern. In einer weitgehend hut- und schreibmaschinenlosen Zeit kann das nur museal wirken.

Josef K. (Denis Larisch) ist in diesem inszenierten Kafka-Bilderbuch weniger darum bemüht, den Grund für seine rätselhafte Verhaftung zu finden, als vielmehr die Quelle dieses Unheils zu identifizieren. Denn wo er nur hinblickt, taucht auch schon ein neuer Fremder im Zimmer auf, um ihm den Ernst der Lage zu erklären. Und weil die Tür doch eigentlich verschlossen, ein Eindringen schlicht unmöglich scheint, besteht bald kein Zweifel daran, dass dieser Prozess nicht etwa in einem Gerichtshof geführt wird, sondern im Kopf des Josef K. höchstselbst. Ein suggestiver Akt der Selbstbestrafung: So lautet schließlich auch die gängige Deutung in der neueren Literaturwissenschaft.

Fast hätte man bei so viel Erwartbarem die entscheidenden Momente verpasst, jene Ansätze, die unvermutet doch noch interessante Bezüge zu relevanten Fragestellungen unserer Zeit offenbaren. Der erste Moment tritt ein, als Josef K. eifrig seine Vermieterin, Frau Grubach (Eike Jon Ahrens), nach ihren Eindrücken seiner morgendlichen Verhaftung ausfragt. In Grubachs demonstrativer Geringschätzung dieses für sie unbedeutenden Ereignisses zeigt sich nämlich, wie ein solcherart eingebildetes Strafverfahren durch eigenes Verschulden in ein tatsächliches münden kann. Josef K. macht ohne Not die Pferde scheu, bettelt förmlich um seine Verurteilung durch externe Instanzen. Das erinnert an manchen vorauseilenden Gehorsam gegenüber potenziellen Autoritäten, wie er sich im digitalen Zeitalter offenbart: ein Sichschuldigfühlen im Angesicht diffuser Überwachungsszenarien. Die sich netzartig über Wände und Boden ausbreitenden „Prozess“-Textauszüge können diese Assoziation nur bestärken.

Als schließlich ein frappierend heiter gestimmter Maler Titorelli (Rüdiger Hauffe) auf Josef K. einspricht, so spiegelt sich darin ein Kunstbegriff, der aller Hoffnungen entledigt ist. Der Künstler nämlich kann all seinen Heilsversprechungen zum Trotz keinen Freispruch erwirken. Er kann aber seinem Rezipienten helfen, sein Schicksal zu verstehen, dessen Unausweichlichkeit zu erkennen und womöglich sogar zu akzeptieren. Sogar der eigene Tod lässt sich in der Kunst dieses Malers voraussehen: ein bis an die Zähne bewaffneter Schneemann, auf dessen Hals freche Groupies des Künstlers keck einen Pappmachee-Kopf platzieren. Er trägt die fahlen Züge des verblichenen Josef K.

So befreit sich diese Inszenierung doch noch zwar mühsam, aber letztlich einigermaßen erfolgreich aus den selbst angelegten Fesseln. Das ist auch ein Verdienst von Hauptdarsteller Denis Larisch, der Josef K. als bedächtig selbstreflektierende Persönlichkeit skizziert und damit dem ansonsten bewusst plakativ angelegten Personal einen differenzierten Charakter gegenüberstellt.

Der „Prozess“ hat in Oldenburg wenigstens zeitweilig seine Bühneneignung bewiesen, weitere Bearbeitungen aus dem Kafka-Fundus sind willkommen. Das nächste Mal aber bitte ohne Hut und Mantel.

Die kommenden Vorstellungen: morgen und am 27. Februar sowie am 22. März, jeweils um 20 Uhr im Oldenburgischen Staatstheater.

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