„Ein Tag zu lang“ von Marie NDiaye

Kafka in Frankreich

Kreiszeitung Syke
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Syke - Von Johannes Bruggaier. Sie zählt zu den bedeutendsten Autorinnen Deutschlands, und doch ist ihr Name in den Bestsellerlisten kaum zu finden. Das liegt daran, dass es sich bei Marie NDiaye, seit 2007 in Berlin lebend, um eine französische Autorin handelt.

In ihrem Heimatland hatte sie sich bereits Mitte der Achtziger im zarten Alter von 17 Jahren einen Namen gemacht. 2010 erhielt sie schließlich den „Prix Goncourt“: Größer, höher, weiter geht’s nicht in Frankreichs Literaturszene. Zeit, sich ihr Werk auch in Deutschland einmal genauer anzuschauen.

Für den Suhrkamp Verlag hat nun Claudia Kalscheuer NDiayes 1994 erschienenen Roman „Ein Tag zu lang“ erstmals auf Deutsch übersetzt. Es ist die Geschichte einer Familie, die ihren Sommerurlaub auf dem Land entgegen jeder Gepflogenheit in den Herbst hinein verlängert hat. Die Erzählung eines Lehrers aus Paris, der mit dem Wechsel vom 31. August zum 1. September nicht allein von der plötzlich einbrechenden Kälte überrascht wird – sondern dem zugleich auch noch Frau und Kind abhanden kommen. Und der auf seiner verzweifelten Suche im verschlafenen Touristennest nichts findet als kühle Ignoranz, abweisende Bürokraten, endlose Behördengänge. Kurz: Franz Kafka, nur in der französischen Provinz.

Und doch handelt es sich um mehr als eine Masche, ein bemühtes Imitat kafkaesker Irrgartenmetaphorik. Denn bei NDiaye steht nicht das Spannungsverhältnis von Macht und Ohnmacht im Vordergrund, sondern vielmehr jenes von Ordnung und Chaos, Vertrautheit und Fremdheit. Nicht zufällig ist es ein Lehrer, der hier zunächst an Grenzen gelangt und sie dann auch überschreitet: erst die Grenze des Sommers, dann die des Privaten und schließlich die Grenze seines ganzen ursprünglichen Lebens. Anders als Kafka gönnt NDiaye ihrem Helden eine Zukunftsaussicht. Er wird seine Familie schon finden, wenn er sich nur einlässt auf das Fremde: Wenn er sich verabschiedet von der Metropole Paris und heimisch wird im Dorf, mit all seinen skurrilen Vereinsämtern und Gemeinderatssitzungen.

Einerseits gibt dieses Leben Anlass zum Erschauern, andererseits zur Irritation. Denn trotz der Preisgabe jeder Privatheit – abgeschlossene Räumlichkeiten sind in dieser Dorfgemeinschaft tabu – stellt sich beim Lehrer bald so etwas wie eine Grundzufriedenheit mit seinem neuen Leben ein. Daran ändert auch ein mehr befremdliches denn erfreuliches Wiedersehen mit Frau und Kind nicht wirklich etwas.

So entzieht sich der Roman trotz seiner präzisen Struktur doch der Gefahr einer plakativen Eindeutigkeit. Sein mystischer Plot lässt sich ebenso als Parabel auf Migration lesen wie als Lehrstück über das Lernen. Prosa von Marie NDiaye lohnt also ihre Rezeption: eine reizvoll rätselhafte Spiegelung des modernen Menschen.

Marie NDiaye: „Ein Tag zu lang“, Roman, Suhrkamp Verlag: Berlin 2012; 159 Seiten; 15,95 Euro.

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