Geschlechterkämpfe in grafischen Erzählungen: Oldenburg zeigt Max Klinger

Käufliche Venus

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Max Klinger: „Anerbieten“, aus dem Zyklus „Ein Leben“, Radierung. ·

Von Rainer BeßlingOLDENBURG · Die liegende Nackte trägt männliche Züge. Mit muskulösem Bein scheint sie einen Mann im Pelzmantel abzuwehren, der sich die Liebesdienste der herben, zornigen Schönen offenkundig was kosten lassen will.

Max Klinger verwandelt in seiner Radierung „Anerbieten“ aus dem Jahr 1898 die bekannte Pose der Liebesgöttin Venus zu einer Lagebeschreibung käuflicher Liebesdienerinnen. Das erotische Bildprogramm der bürgerlichen Salons wird umgelenkt auf die Realität von Doppelmoral, männlicher Macht und Zwängen eines Frauenlebens.

Mit solchen Bildern erregte der Star der deutschen Kunstszene um 1900 beachtliche Aufmerksamkeit. Mit seinen umfangreichen Zyklen traf Klinger den Geist einer Zeit, in der sich Glaube und überkommene ethische Werte in Auflösung befanden, in der die Psycho analyse den erschrockenen Menschen mit dessen triebbestimmtem Innenleben konfrontierte, in der das Verhältnis der Geschlechter radikalen Veränderungen entgegensteuerte.

Das männliche Publikum zeigte sich eher empört von Klingers Bild-Erzählungen. Es muss sich erkannt gefühlt haben: Chauvinistische Haltung und latente Angst vor der Frau kamen darin gleichermaßen zum Ausdruck. Das weibliche Kunstpublikum reagierte dagegen vorwiegend begeistert: Da schien ein einfühlender Beobachter ihre Empfindungen und Befindlichkeiten verstanden zu haben. Die frühe Frauenbewegung vermutete bei Klinger eine verwandte Geisteshaltung, sagt Kuratorin Sabine Siebel. Hilfreich dürfte dabei gewesen sein, dass der Künstler in Elsa Asenijeff eine Literatin an seiner Zeit hatte, die sich nachhaltig für die Emanzipation der Frau einsetzte.

Sabine Siebel und Antje Tieken haben im Oldenburger Janssen-Museum eine spannende, mit rund 100 Arbeiten üppig bestückte Ausstellung eingerichtet, die „Das Drama um Mann und Weib“ anhand von sechs Grafikzyklen Klingers thematisiert. Fünf Folgen aus den 1880er Jahren verdankt das Oldenburger Haus dem Sammler und Museumsstifter Theodor Francksen. Den späten Zyklus „Zelt“, entstanden 1915, ein Jahr nach Francksens Tod, stellt die Kunsthalle Kiel zur Verfügung.

Die bekannte Serie „Ein Handschuh“ (1881) schildert Begehren und zugleich Ohnmacht, Angst eines jungen Mannes vor dem anderen Geschlecht. Das religiös und gesellschaftlich gedeckelte Ausleben der Sexualität lastete eben auch auf dem Mann. Soziale Zwänge kannte der Künstler selbst nur zu gut. Klinger verbarg das uneheliche Kind mit Asenijeff aus Karriereerwägungen vor der Öffentlichkeit und gab es in die Hände von Pflegeeltern.

Die übrigen frühen Zyklen stellen die Frau in den Mittelpunkt. Mit „Eva und die Zukunft“ greift Klinger auf den Ur-Mythos des Sündenfalls zurück. Die bekannte und fatale Verkettung von Schuld, Leiden und Sühne fußt in Klingers Deutung auf Evas Selbstbespiegelung. Nachdem die Frau sich ihrer Schönheit und Verführungskraft gewahr wird, schweißt die Sexualität Mann und Frau zu einer Schicksalsgemeinschaft voller zerstörerischer Kraft zusammen. Eros und Tod werden Geschwister.

Die Zyklen „Ein Leben“ und „Eine Liebe“ erzählen von den Folgen außerehelicher Liebesverhältnisse und Sexualbeziehungen einer Frau. Der Sündigkeit folgt die soziale Ächtung und der Absturz, nicht selten der Abstieg in die Prostitution. Um 1900 machte die Frauenbewegung dieses Thema erstmals öffentlich, Klinger zählte zu den ersten deutschen Künstlern, die es zum Bildmotiv erhoben. Im späten Zyklus „Zelt“ gibt der Künstler seiner eigenen Biografie die Form eines Märchens. Das blutjunge Modell Gertrude Bock und die langjährige Gefährtin Elsa Asenijeff treten als Konkurrentinnen, aber auch wie in eine gleichgeschlechtliche Beziehung verstrickt auf, Klingers Alter Ego erscheint als Getriebener, als Beobachter, als Retter – als Haremswächter?

Bei allem erzählerischen Reichtum der Klingerschen Grafik, bei aller virtuosen Aneigung und Verwandlung des überlieferten ikonografischen Programms darf die formale und technische Meisterschaft des Künstlers nicht übersehen werden. Eine breit gestaffelte Tonigkeit belegt neben zeichnerischer Raffinesse den hohen Rang, der auch durch die Zeugnisse vieler Kollegen und nachgeborener Künstler belegt ist. Im späten Werk „Zelt“ bricht Klinger mit formalen Regeln und zeichnerischen Konventionen, rückt Körper und Posen in ein neues Licht und konfrontiert den Betrachter gezielt mit eigener Wahrnehmung und Haltung.

Der Jahrhundertwende-Liebling Max Klinger geriet nach seinem Tod schnell und lange in Vergessenheit. Illustration und Erzählung passten selbst bei fortschrittlichem Inhalt so gar nicht in das Programm der Moderne. Seit diese ihre Vormachtstellung verloren hat, sind auch Bilderzähler wieder gefragt. Bei Klinger wird man feststellen, dass die derzeit boomende Graphic Novel schon vor über 100 Jahren einen hohen künstlerischen Standard erreicht hat.

Max Klinger: Das Drama um Mann und Weib. Grafische Zyklen. Horst-Janssen-Museum Oldenburg. Bis 19.2.2012.

Eintritt: 6 Euro.

Katalog, 141 Seiten, 19 Euro

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