Familienstück in Hannover: „Pünktchen und Anton“

Kästner karikiert

Hannover - Von Jörg WoratIst da nicht ein einzelnes zaghaftes Buh zu hören in all dem lauten Jubel? Hat jemand tatsächlich etwas einzuwenden nach der Premiere von „Pünktchen und Anton“, dem großen Familienstück des hannoverschen Staatsschauspiels für Menschen ab 6 Jahren? Glaubt da gar wer, die Inszenierung sei Erich Kästners Roman aus dem Jahre 1931 nicht gerecht geworden? So abwegig wäre das keineswegs.

Was gar nicht primär damit zu tun hat, dass die Handlung von Berlin nach Hannover verlegt wurde, wiewohl das anbiedernd wirkt. Auch dass aus Antons kranker Mutter ein ebensolcher Vater wurde, wäre zu verschmerzen. Aber von Kästners Geist finden sich in Christina Rasts raubauziger Inszenierung nurmehr Spurenelemente. Denn sie hat ja ihre anrührenden Momente, die Geschichte der Freundschaft zwischen zwei ungleichen Kindern: Luise, genannt Pünktchen, stammt aus reichem Hause, leidet aber unter der mangelnden Aufmerksamkeit ihrer Eltern, während Anton betteln gehen muss. Da gibt es stille Momente, traurige und solche, die zeigen, dass in der Welt der Kinder nicht alles harmlos ist.

Darauf nimmt die Inszenierung wenig Rücksicht. Statt mehrschichtiger Charaktere bevölkern Karikaturen die Bühne. Pünktchens Vater (Christoph Müller) ist ein „Herr Direktor“ wie aus dem Lehrbuch, seine Gattin (Katja Uffelmann) eine überdrehte Zicke mit Bio-Fimmel. Die „dicke Berta“ (Eva Brunner) ist die rustikale Köchin, „Fräulein Andacht“ (Friederike Pöschel) das steife Kindermädchen – wenn diese beiden einander treten und hauen, fühlt man sich in Stummfilmtage zurückversetzt. Am ärgerlichsten aber ist der unsensible Umgang mit der Figur des kranken Vaters (Dominik Maringer), der den Zappelphilipp geben muss, als Pünktchen mit der Steuerung seines Bettes spielt.

Julia Schmalbrock und Jakob Benkhofer können in den Rollen der Titelfiguren durchaus überzeugen, weil sie das rechte Maß an kindlicher Unschuld transportieren. Publikumsliebling wird indes eine andere, nicht ganz zu Unrecht: Was Katja Gaudard als Dackel Piefke zeigt, ist manchmal unklar zuzuordnen, zeugt jedoch von mimischem Talent und macht oft einfach Spaß.

Überhaupt mangelt es dem Abend nicht an Witz und Schwung. Eine Live-Band unterstützt das Geschehen gekonnt, auch die Videos sind kompetent gemacht und bergen Finesse, wenn sich etwa das Ernst-August-Denkmal vor dem hannoverschen Hauptbahnhof plötzlich von seinem Sockel herabbegibt. Und am Schluss rockt das gesamte Ensemble mächtig los.

Nur bleibt der Tiefgang meist auf der Strecke. Wie bereichernd solche Momente sind, zeigt sich in der Darstellung der Beziehung zwischen Fräulein Andacht und „Robert dem Teufel“ (ebenfalls Dominik Maringer) – dass es hier um Hörigkeit geht, kann auch die hannoversche Inszenierung nicht gänzlich vertuschen.

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