„Das Blaue“: Ann Van den Broek choreographiert in Oldenburg

In Kältekammern

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Ferne, Frost und Sehnsucht nach Wärme: Pin-Chieh Chen und Rober Gómez (vorn) in Ann Van den Broeks „Das Blaue“.

Oldenburg - Von Rainer Beßling. Es könnte eine Hotellobby oder eine Club-Lounge sein. Stylische weiße Sitzmöbel, frostiges Licht. Menschen treten ein, scannen den Raum, stolzieren umher, präsentieren und setzen sich, lässig, oder eher: linkisch.

Die Tänzerinnen und Tänzer der Oldenburger Compagnie zeigen die Auftritte als Reihe ritueller Aktionen. Viel Konformität, wenig Nähe. Viel Neben-, kein Miteinander. Kontakt? Null! Nähe? Negativ! Kleidungsstücke werden abgelegt, man reizt und gibt preis. Ab und an sacken die Poser in sich zusammen und werden zu Teilen der eisigen Ausstattung. Lässt sie ihre Anpassung an das coole Ambiente selbst erstarren? Basiert die Performance auf einem wackligen Gerüst?

Die belgische Choreographin Ann Van den Broek hat mit der Tanzcompagnie Oldenburg ein Stück erarbeitet, das Menschen im Wechselspiel mit ihrer Umgebung zeigt, das Innenleben mit emotional aufgeladenen Räumen und Objekten verschränkt. „Das Blaue“ nennt sie ihr Werk. Mit der Farbe verbindet sie „Klarheit, Melancholie und Kälte“. Die Inszenierung folgt dem Dreiklang: Analytische Schärfe in strenger Struktur trifft auf Expressivität, Kontrolle wechselt mit Ausbrüchen ab. Aus der Reibungsenergie zwischen den Polen spricht Sehnsucht nach Wärme. Neben der Farbe zieht sich ein Song durch das Stück, der um Suche, Sehnen und Sucht kreist. Buchstäblich kreist, denn der Protagonist in PJ Harveys „The Slow Drug“ kommt in Fragen und Verlangen zu keinem Ende. Erfüllung ist ihm erst recht nicht vergönnt.

Ungefähr in der Mitte der Aufführung begleiten die Tanzenden den im Stückverlauf mehrmals wiederholten Song mit Gebärdensprache. An dieser Stelle wird deutlich, dass viele Bewegungselemente der Choreographie aus diesen Körperzeichen entlehnt sind: Fingerzeige, Abwehrhaltungen mit der geöffneten Handfläche, ausforschende Blicke, Rückzugsgebärden, Selbstverweise, Kreisen und Taumeln, Innehalten und Aufrichten. Alles in Vereinzelung beziehungsweise Parallelbewegungen.

Auch das musikalische Material aus dem Harvey-Song wird verarbeitet. Partikelweise bietet es einen flirrenden, dichten Soundtrack, zu dem später Variationen einer treibenden Cello-Phrase hinzukommen (Musik: Arne van Dongen). Die intensivsten Klänge leiten sich jedoch aus den Bewegungen der Tänzer selbst ab. Überall sind Mikrofone installiert: Schreiten, auftreten, scharren, rutschen, klopfen, schlagen, alle Berührungen mit dem Raum werden verstärkt. Auch das Verrücken des Mobiliars, das den Raum zu einer dynamischen, immer neu herausfordernden Größe macht, trägt zum Geräuschrahmen bei.

Bevor das Ensemble in Fühlungnahme mit dem Mobiliar – Stellvertreter für das fehlende Gegenüber – in forcierte Bewegungen und Geräusche verfällt, wird das Atmen zum Thema. Eine intensive Sequenz, die wie eine Überleitung vom uniformen Eintritt zum Drängen nach Begegnung und Ausdruck fungiert. Das Durchatmen, das Schnappen nach Luft, selbst zuckendes Hecheln oder auch das Luftanhalten sind existenzielle Äußerungen, die sich der Gefühlskälte, der Unterdrückung von Subjekt und sozialem Gefüge entgegenstemmen.

An diese fundamentale Lebensäußerung, an den basalen Rhythmus von Ein- und Ausatmen schließt sich in pochenden Schlägen und beschleunigtem Puls eine furiose dichte Ensemblephase an. In einer Mischung aus Ausdruckstanz, Street Dance und Hip-Hop stellt sich fast so etwas wie Gleichklang in Bewegung und emotionaler Haltung ein. Eruption und Ekstase münden in einem bewegenden Solo von Pin-Chieh Chen, das die Nähe und Fallhöhe von Euphorie und Verzweiflung zeigt.

Aus diesem Absturz entfaltet sich die Schlusssequenz, in der die Akteure nun Nähe suchen und ansatzweise sogar zu finden scheinen. Ausdrucksstark, wie Van den Broek hier mit eingefrorenen – einladenden oder erkalteten? – Umarmungsposen offen lässt, ob Unvermögen oder Unwille der Grund für das Nähe-Problem sind. Der Ausbruch aus der Pose, der Aufbruch zum individuellen Ausdruck, das trommelnde, energiereiche Einfordern von Wärme – einen linearen Weg zum Glücksversprechen oder zur Wunscherfüllung geht das Stück dennoch nicht. Gemäß der Rondo-Form des Harvey-Textes laufen die Tänzerinnen und Tänzer zum Schluss ihre anfänglichen Routen retour. Schön, wie die Musik im flirrenden Umspielen der Tonhöhen, im Anspielen von Intervallen und im Andeuten von harmonischen Verhältnissen Nähe, Bewegung und Beziehung aufscheinen lässt, aber nicht einlöst. Ein inhaltsreicher und ausdrucksstarker Tanzabend, nicht zuletzt dank der ausnahmslos hervorragenden Leistungen der Akteure.

Nächste Vorstellungen: 22.12., 3., 5., 10. und 12.1., jeweils 20 Uhr. Exerzierhalle, Oldenburg.

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