Fast freie Platzwahl

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Nicht besser oder schlechter als Obama und Hitler, Bommel oder auch van Bommel: Gang Men Mao (Paul Matzke) ist Europas neue Lichtgestalt.

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Für ängstliche Gemüter ist unser Kontinent jetzt auch in einer Lightversion erhältlich. Man möge sich entscheiden, ruft eine Theatermitarbeiterin dem Publikum im Foyer zu:

Wer über ein robustes Nervenkostüm verfüge, gerne im Dunkeln enge Wendeltreppen hinabsteige und unverzagt in fremden Kellern nächtige, der dürfe mal eben mitkommen. Alle anderen würden später auf angenehmeren Pfaden in den Zuschauerraum gelotst.

Es soll um Europa gehen an diesem Abend im Theater Bremen. Regisseur Mirko Borscht hat sich so manchen finsteren Gedanken gemacht über diesen reichsten aller Kontinente. Er sieht in ihm eine fatale Mischung aus behauptetem Humanismus und tatsächlicher Gier, eine Feigenblatt-Demokratie zur Tarnung der ökonomischen Kriegsführung. Und er bemüht die Johannes-Offenbarung, um den Untergang dieses Modells zu prophezeien: „Weil du aber lau bist und weder kalt noch warm, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde.“ Einen bequemen Abend verspricht das nicht gerade, da kann man sich auch gleich zur Kellerprüfung melden.

Die Wendeltreppe also, ein paar enge Gänge und irgendwann sind wir da. Im tristen Kellerloch, mit chinesischen Schriftzeichen an der Wand. Darunter: „Selektion – warten!“ Schwarze Gestalten mit weißen Masken bewachen eine schwere Tür. Wer hindurch darf, bestimmen nur sie: du da. Der da. Und jener dort. Alles ohne Worte, ein Fingerzeig genügt.

So findet man sich wieder in einer auffallend homogenen Gruppe. Männlich sind wir Auserwählten, Brillenträger allesamt. Was haben sie mit uns vor? Ein Blick, ein Wink, schon geht es durch die Tür, weiter die verwinkelten Gänge des Kellers entlang – bis wir mitten auf der Bühne stehen. Die sich als schauriger Ort voller Bauzäune erweist. „Links hinter Ihnen befindet sich die Toilette“, raunt uns die schwarze Führerin zu. „Rechts dürfen Sie rauchen. Und da hinten, wo das blaue Licht scheint, ist die Dusche.“ Gespenstische Klänge dröhnen durchs Dunkel, Nebel wabert, Taschenlampen blenden ins Gesicht. Irgendein Wärter schiebt uns in eine dreieckige Bauzaunkonstruktion. Ein Stahlkäfig mit Stühlen drin: „Freie Platzwahl“ hatte auf der Eintrittskarte gestanden.

„Aaah!“, kreischt ein finsteres Wesen (Siegfried W. Maschek), das sich von Zaun zu Zaun hangelt. Irgendwer schreit: „Nikolas! Kümmer’ dich um diesen Kackvogel!“ Entschuldigen Sie, flüstert mein Sitznachbar und blickt mich ganz ängstlich an. „Dass Sie sich da Notizen machen: Dürfen Sie das hier überhaupt?“

Nein, das ist in der Tat nichts für schwache Herzen. Ein Ort, an dem ein betont souveränes Lächeln zwanghaft wird. Zur bemühten Selbstvergewisserung, dass alles ja nur Theater ist.

Das also soll in ferner Zukunft einmal aus Europa geworden sein: ein Gefangenenlager, unterworfen den neuen Herrschern aus Fernost. Es gibt nicht viel Hoffnung darin, bis auf die mitleidige Handvoll Reis vielleicht, die uns hier und da durch die Gitterstäbe gereicht wird. Und: bis auf die Lagertouristin Alina Kessler (Gabriele Möller-Lukasz), eine idealistische Russin mit deutschen Wurzeln, aufgebrochen ins zerstörte Europa, um uns versklavten Kreaturen beizustehen. Sie ist dabei auf Heike Hartmann (Irene Kleinschmidt) angewiesen, eine vornehme Dame im weißen Gewand, die oben auf der eigentlichen Zuschauertribüne das Lagertreiben überwacht. Man muss Lars von Triers „Europa“-Film kennen, um Frau Hartmanns Funktion zu verstehen – um sie einordnen zu können in die Erbfolge des „Zentropa“-Unternehmens.

Als Enkelin des NS-freundlichen Firmengründers Max Hartmann hat sie versucht, ein umso demokratischeres und humanistischeres Leben zu führen. Ein Ideal, das sich mittlerweile seinerseits erledigt hat: überholt von der Niederlage Europas und der Etablierung eines neuen totalitären Systems. Und wie einst Max für seine Nazi-Vergangenheit, ist es jetzt Heike, die sich für ihre Überzeugungen von gestern rechtfertigen muss.

Denn viel ist es nicht, was der neue Machthaber Gang Men Mao (Paul Matzke) von Demokratie, Meinungsfreiheit und dergleichen hält: von all den betulichen Moralpredigten, mit denen Europas selbst ernannte Humanisten damals von ihrer rücksichtslosen Wirtschaftspolitik abzulenken suchten. „Heike, ich brauche deine Unterschrift“, insistiert er und hält ihr ein Schriftstück als Persilschein vor die Nase. „Du musst den Humanismus hinter dir lassen!“ Was Heike schließlich auch tut: mit fester Stimme, die Hände zum Schwur erhoben. Und mit anschließendem Freitod, wie damals ihr Großvater.

Alina Kessler, die Menschenfreundin aus Russland, kann diese Entwicklung nur mit Entsetzen begleiten. Als sie schließlich wirklich etwas für die armen Europäer unternehmen kann, ganz praktisch und handfest, da bringt sie es nicht über sich. Wahre Hilfe nämlich, so wird sie von Hartmanns hinterbliebenen Söhnen Nikolas (Matthieu Svetchine) und Wolfgang (Alexander Swoboda) belehrt, setze zumindest mal einen Mord voraus: den Anschlag auf Gang Men Mao.

Der stellt sich bereitwillig vor die Pistole. Sie dürfe ruhig schießen, sagt er. Allein: Das Böse werde sich mit seinem Tod nicht in Luft auflösen. „Im Namen des Friedens und der Demokratie haben wir alle jeden Tag getötet!“, ruft Gang Men Mao und zeigt wahllos ins Publikum. „Dieser da und jener, der und die, du da und der da hinten auch!“ Obama nicht weniger als Hitler. Als Himmler, Bommel oder von ihm aus auch van Bommel: alle gleich.

Es sei ihm nicht um konkrete Antworten gegangen, schreibt Regisseur Mirko Borscht im Programmheft. Sondern um eine Verstörung, welche die Widersprüche verstärke, statt sie aufzulösen. Wohl und Wehe dieses Abends (dessen darstellerische Leistungen sich aus der aktiven Häftlingsrolle heraus schwerlich beurteilen lassen) finden in dieser Aussage ihre Erklärung. Denn während die beabsichtigte Verstörung so großartig fürchterlich gelingt, wirkt das Bekenntnis zum Widerspruch wie ein Rückzugsgefecht. Man sehnt sich nach einer mutigeren Ausformulierung der Alternative zu unserem Europa, nach einer entschlossenen Aussage, der sich wenigstens mit Überzeugung widersprechen ließe.

So zerfällt diese Produktion in Extreme. In masochistisches Entzücken über den wohlverdienten Knastaufenthalt im Finstern einerseits. In intellektuelle Enttäuschung über die Flucht ins Abstrakte andererseits. In eine vollauf überzeugende Bühnenästhetik zum einen und in eine fragwürdig konstruierte Geschichte zum anderen. In Hell und Dunkel, Schwarz und Weiß. Nur in der Mitte, wo die Temperatur lau wird: Da ist nichts.

Weitere Vorstellungen: am 22. sowie am 31. Januar, jeweils um 20 Uhr am Theater Bremen.

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