Comic-Helden in Auflösung

Weserburg Bremen
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Die zergliederte und obskure Welt der Moderne im Comic: Szenenbild aus Martin Arnolds Film „Self Control“.

Bremen - Von Rainer Beßling. Der Ausstellungsplatz passt. Direkt unter dem Dach der Weserburg trifft der Besucher in einem abgedunkelten Raum auf einen gespenstischen Film. Der Titel entspricht dem ersten Eindruck: „Haunted House“. Da spukt es wirklich.

Hände tauchen zuckend vor tiefdunklem Hintergrund auf, zu Fäusten geballt oder zur Abwehr aufgestellt. Eine blutrote Zunge tanzt, Augen blinzeln, ein Mund erscheint, Füße schweben von Beinen abgelöst im Raum. Neben den Körperteilen heben sich Hausfragmente wie Geländer, Treppen, Säulen oder Fenster kurz von dem Schwarz der Kulisse ab, um dann wieder im Abgrund zu verschwinden. Momente des Erschreckens und Gruselns reihen sich zu einer Schleife auf. Ein Soundtrack aus Pfeifen, Schnarchen, Schreien und Musik-Fetzen begleitet das mit Angst, Aggression, Verletzlichkeit und einer verstörend erotischen Komponente besetzte Bildgeschehen dramatisierend.

So zerstückelt die Figuren und Räume auch sind, die meisten Betrachter dürften sie identifizieren. Es handelt sich um Protagonisten und Szenen aus Animationsstreifen. Der österreichische Filmemacher Martin Arnold hat Sequenzen aus frühen Mickey-Mouse-Filmen zerlegt und die Einzelteile in Loops neu zusammengesetzt. Damit öffnet er den Blick in das formale Grundrepertoire der Animation, lädt den Zuschauer als Co-Autor zur Neukonstruktion ein und gibt ihm durch die Aufhebung der ursprünglichen Geschichte die Möglichkeit, in die Collagen und Freiräume seine eigenen Fiktionen und Erfahrungen einfließen zu lassen. So harmlos die Welt von Mickey und Pluto, Tom und Jerry erscheinen mag, sie spiegelt mehr Lebenswirklichkeit des modernen Menschen als dieser hinter dem Spaß vermuten mag.

Arnolds „Haunted House“ ist Teil der großen, sehenswerten Ausstellung „Kaboom!“, die derzeit in der Weserburg die Beziehungen zwischen Comic und Kunst thematisiert. Als Bestandteil eines umfangreichen Rahmenprogramms präsentiert das Bremer Kommunalkino City 46 heute um 20.30 Uhr unter dem Titel „Comic in der Filmkunst“ eine Auswahl internationaler Filme, in denen Popkultur recyclet oder der Comic als Impuls für eine entsprechende filmische Ästhetik genutzt werden. Martin Arnold, der morgen, 18 Uhr, an einer Führung von Kurator Ingo Clauss durch die Ausstellung in der Weserburg teilnimmt, wird auch heute Abend anwesend sein.

Zu sehen ist neben Arbeiten etwa von Lewis Klahr, Nathalie Percellier oder Jordan Wolfson Martin Arnolds Loop „Shadow Cuts“ (2010). In diesem Auftaktstreifen seiner vierteiligen Auseinandersetzung mit Disney-Klassikern fokussiert Arnold die symbiotische Beziehung zwischen Mickey Mouse und dessen Hund Pluto und fächert in irritierender Iris-Nahsicht ein breites Spektrum menschlicher Grundgefühle auf.

Beschränkt sich die gesamte Ausstellung nicht darauf, die bloße Verwendung von Comic-Motiven in der Kunst abzubilden, bieten auch Arnolds Filme mehr als gagreiche Adaption von Animation. Seine Loops sind Studien zur Struktur und Funktion bewegter Cartoons und laden zum differenzierteren Nachdenken über die Rezeption der Disney-Klassiker ein.

Arnold kann sich dabei auf einen prominenten Analytiker des Mickey-Mouse-Kosmos berufen. Walter Benjamin setzt sich in einem Kapitel der ersten Ausgabe seines Aufsatzes „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ (1935) mit dem kritisch-aufklärerischen Potenzial des Animationsfilms auseinander. Er identifiziert in den Streifen die Verletzung physikalischer Gesetze und attestiert ihnen Anregungen für die Umgestaltung der Welt.

„Alle Mickey-Mouse-Filme haben zum Motiv den Auszug, das Fürchten zu lernen“, schreibt Benjamin in Bezug auf ein Grimmsches Märchen. Die Trickfilm-Helden lernen das Überleben in einer Realität der mechanisierten, zergliederten Arbeitsprozesse, müssen mit Entfremdung und Erosion des Subjekts umgehen, die Vereinheitlichung privaten und öffentlichen Lebens parieren. In der Begegnung mit geisterhaft animierter Dingwelt erinnern sie an Goethes „Zauberlehrling“, der von der Magie übermannt wird – eine Allegorie auf die heraufziehende Maschinenwelt der Moderne.

Martin Arnolds Filme scheinen das zu radikalisieren und anschaulich zu machen, was Benjamin über den Ertrag des filmischen Zugangs zur Welt sagt. Den Kameramann sieht der Kulturphilosoph als Chirurgen, der die Oberfläche der Wirklichkeit durchdringt und mit seinen Schnitten die zugrundeliegende Struktur freisetzt. Das Sezieren mit der Kameralinse kommt einem kritischen Zugang zur Welt gleich, während die Montage eine utopische Erkundung und einen visionären Entwurf repräsentiert. Indem die Nahtstellen der Collage sichtbar und die Protagonisten und ihre Welt als Loop in Bewegung bleiben, verdecken die Filme nicht mit Pflaster die Wunden, die die Wirklichkeit schlägt, sondern zeigen sie als destruktiv sowie konstruiert und damit auch veränderbar. Die durch entfremdete Arbeit zergliederten, von Identitätskrisen und Erschütterungen der Emotionen zerfaserten Körper könnten auch ihre Marionettenfäden durchtrennen wollen.

Comic in der Filmkunst, Bremen, City 46, heute 20.30 Uhr.

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