Jupiter-Jones-Sänger im Interview

"Wollen nicht so viel Wohlfühlkram machen"

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"Jupiter Jones"-Sänger Sven Lauer2014 beim Deichbrand-Festival.

Hamburg - Von Pascal Faltermann. Jupiter Jones proben und leben mittlerweile in Hamburg. Schlagzeuger Marco Hontheim ist der einzige, der noch in der Eifel wohnt. Der neue Sänger Sven Lauer war ein langjähriger Begleiter der Band, hing mit Gitarrist Sascha Eigner seit Kindertagen ab und spielte mit ihm in seiner ersten Band.

Lauer ersetzte vor einem Jahr Jupiter-Jones-Sänger Nicholas Müller, der wegen Angststörungen nicht mehr weitermachen konnte. Im Interview verrät der Neue, was alles passierte und wohin der Weg geht.

In Dresden haben Sie am 26. Januar den Slime-Song „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ gegen Pegida, Legida und das Vergessen gecovert. Wird Jupiter Jones mit Ihnen wieder politischer? 

Sven Lauer: Ich weiß, dass Jupiter Jones immer politisch war, was allerdings mehr im Subtext passierte. Veranstaltungen wie in Dresden waren der Band immer ein inneres Anliegen: Mitmachen und Flagge zeigen. Es gab diverse Facebook-Aktionen in der Vergangenheit, wodurch große Diskussionen losgetreten wurden. Zum Beispiel als es um die Freiwild-Geschichte ging. Die Band hat sich immer getraut, wenn es um die Wurst ging, den Mund aufzumachen. Insofern fühlt sich das für mich eher so an als ob da eine Tradition weitergeführt wird. Wir haben in Dresden bewusst diesen Song gewählt. Den Leuten ist erst die Kinnlade heruntergefallen, weil der Song die Dinge beim Namen nennt. Uns ist wichtig, nicht so viel Wohlfühlkram zu machen. Wir wollen aufzeigen, was passiert, wenn Menschen sich mit zu vielen Stammtischparolen auf die Straße begeben.

Inwieweit beeinflussen solche Aktionen direkt die Produktion des neuen Albums?

Lauer: Wenn die Frage darauf abzielt, ob diese Slime-Cover-Nummer ein bisschen auf eine neue Roughheit (Grobheit, Anm. d. Red.) hindeuten soll, dann kann ich das bestätigen. Wir sind noch nicht im Aufnahmeprozess, sondern im Songwriting, aber da kristallisiert sich heraus, dass das Ganze wieder rauer wird, ein bisschen erdiger. Und in den Texten wird vielleicht auch das ein oder andere politische Statement rausgehauen. Es wird gerade heiß diskutiert.

Also geht es musikalisch nicht in die Pop-Ecke wie bei dem Song „Still“, sondern in die punkigere Anfangszeit von Jupiter Jones? 

Lauer: Ich will mich da noch nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Aber so wie es sich derzeit anfühlt, wird es im Grundsound nicht so bombastisch mit 1000 Keyboards. Von Pop-Melodien sind wir weiterhin alle große Fans, aber die können wir natürlich etwas erdiger verpacken. Sie werden bleiben, aber in einem etwas rockigeren, punkigeren Gewand daherkommen. Und das fühlt sich gut und richtig an.

Wird es explizit politische Songs geben, wie gerade bei den Donots und Adam Angst?

Lauer: Da wäre ich schön blöd, wenn ich jetzt die Katze aus dem Sack lasse. Lassen wir uns überraschen. Man hört definitiv, dass es Jupiter Jones ist. Was musikalisch immer um die Ecke kam, ist zu 90 Prozent aus Saschas Feder entstanden. Das soll aber auf keinen Fall die Texte schmälern. Ich war und bin ein großer Fan von Nicholas Texten, die mich persönlich auch immer sehr angesprochen haben. Von daher hängt die Latte auch sehr, sehr hoch.

Wer schreibt nun die Texte? Bei ihrer Ex-Band „Caracho“ haben Sie eher dadaistische Sachen geschrieben. 

Lauer: Wenn man darauf seinen Fokus gelegt hat, ist das nun eine riesengroße Herausforderung. Deswegen haben wir uns professionelle Hilfe mit ins Boot geholt und arbeiten im Bandkontext eng mit Textern zusammen. Da wird dann jede Zeile, jede Silbe umgedreht, weil es ein ganz klares Merkmal dieser Band ist. Da müssen wir den Ansprüchen gerecht werden und können nicht komplett anders formulieren. Aber es wird anders sein.

Mittlerweile sind Sie seit fast einem Jahr dabei. Sie betonen immer wieder, dass Sie ständig dazulernen. Was haben Sie aber für Elemente in die Band gebracht?

Jupiter Jones spielten einen "tollen Festivalsommer" laut Sänger Sven Lauer.

Lauer: Wenn ich meinen Bandmitgliedern glauben darf, habe ich frischen Wind reingebracht und musikalisch geht es schon ein bisschen Back to the roots. Live gibt es einen schnell sichtbaren Unterschied. Nicholas war mehr der introvertierte Typ, ich bin auf der Bühne eher die Rampensau. Das polarisiert. Ich kann Leute verstehen, die sagen, dass es für sie nicht mehr Jupiter Jones ist. Ganz ehrlich: Ich bin auch Musikfan und wenn eine Band, die fünf Alben draußen hat, mir einen neuen Sänger präsentiert, wäre ich auch extrem skeptisch und würde es mit Argusaugen beobachten. Insofern freuen wir uns sehr, dass der Wechsel von den Fans so gut aufgenommen wurde. Nicholas hinterlässt große Fußstapfen, die ich nicht ausfüllen kann und will. Das Beste ist, dass ich ich selber bin und versuche, authentisch zu sein. Umso mehr freue ich mich, wenn alte Hardcore-Fans mir nach dem Gig erzählen, dass es zwar anders ist, sie es aber gut finden und wiederkommen. Solche Momente gab es häufiger und mehr Bestätigung als Neuer kann ich eigentlich nicht bekommen. Insofern haben wir einen ziemlich tollen Festivalsommer hinter uns gebracht, den wir so nicht erwartet hätten.

Den Veranstaltern des Nordlicht-Festivals und des Hurricane scheint es zu gefallen, die haben Jupiter Jones gebucht. Steigt vor solchen Auftritten ihr Adrenalin noch wie am Anfang? 

Lauer: Das Gefühl, das ich vor dem allerersten Gig in der Konstellation mit Jupiter Jones letztes Jahr in Wolfhagen hatte, das möchte ich in meinem Leben kein zweites Mal mehr haben. Aufgeregt bin ich immer, sind wir alle. Adrenalin ist eine ganz wichtige natürliche Droge, wenn man auf die Bühne geht, um noch einmal einen Pusher zu kriegen. Das ist die Herausforderung. Damals vor dem ersten Gig war es zu viel Adrenalin. Das war die Angst vorm Ausgebuht werden, vorm Scheitern. Da kann alles passieren, wenn der Neue das erste Mal auf die Bühne geht. Man hat keine Ahnung, wie die Leute da unten auf einen reagieren. Das Deichbrand 2014 war eine erste große Herausforderung. Auf den Festivals, wo man als Musikliebhaber und Fan hingefahren ist, selber zu spielen, da hat man noch eine andere Ehrfurcht davor. Von Routine sind wir weit entfernt.

Sie haben ja eigentlich auch Meeresbiologie studiert ... 

Lauer: Ja, ich bin gelernter Meeresbiologe. Abgabetermin für meine Diplomarbeit war bezeichnenderweise der 11. September 2001. Danach war ich in Hamburg und habe mich drei Jahre nur auf die Musik konzentriert, ich hatte einen Deal bei Warner. Aber wie das so ist mit der Sinuskurve des Einkommens eines Musikers, musste ich mal schauen wie die Kohle reinkommt, als meine erste Tochter geboren wurde. Da habe ich mich nebenbei zur Musik in der Medizintechnik selbstständig gemacht. Ich bin immer etwas zweigleisig gefahren.

Wie bekommen Sie das - Band, Job, Familie - jetzt alles unter einen Hut? 

Lauer: Jupiter Jones ist natürlich ein Fulltime-Job. Auch wenn die Leute da draußen das nicht mitbekommen, weil sich die Band im Proberaum verkrümelt. In meiner Firma habe ich jemanden eingestellt, der für mich das Tagesgeschäft übernimmt. Da müsste man aber auch mal meine Familie fragen, denn die kotzt im Kreis, wenn ich das so sagen darf. Vergangenes Jahr habe ich sie mal mit auf Tour genommen, aber das ist nur am Anfang spannend, weil es ja auch ein Job ist. Ich frage mich das auch manchmal, wie ich das alles unter einen Hut bekomme. Jetzt geht es ganz gut, weil wir alle bis auf Marco in Hamburg wohnen, in einem Raum proben, aufnehmen und ich abends bei meiner Familie bin.

Das heißt, Jupiter Jones treten das nächste Mal für Hamburg beim Buvisoco an?

Lauer: Haha…. Das kann ich nicht sagen. Wir sind bekennende Eifel-Jungs. Das ist Zukunftsmusik.

Als sie gefragt wurden, ob sie den Part des Sängers übernehmen, haben sie erst abgesagt. Dann hat ihre Frau gemeint, sie sollen drüber schlafen und es soll einen ganz bestimmten Moment beim ersten Zusammenspielen gegeben haben. Wie war das? 

Lauer: Ja, ich habe instinktiv Nein gesagt, weil ich so ein großes Fragezeichen vor mir gesehen habe. Ich bin dann zu meiner Frau auf die Arbeit gefahren und die hat dann kurioserweise gefragt: Wieso hast du abgesagt? Das war für mich das Signal, dass meine Familie mich unterstützt und ich habe es zugelassen, darüber nachzudenken. Und dann kam es zu der gemeinsamem Probe. Die Jungs hatten ja zwölf Jahre die Stimme von Nicholas intus und kennen jede Phrasierung und jede Tonlage. Und dann kommt ein Neuer, der das auf seine Art singen soll. Der Moment, in dem wir uns angegrinst haben, da fiel uns allen ein Stein vom Herzen, weil wir merkten: Ey geil, das fühlt sich gut und richtig an. Das konnte man nicht planen und hätte auch nach hinten losgehen können. Es war eine Mischung aus Erleichterung und absoluter Freude.

Als nächstes steht nun das Nordlicht an. Habt ihr, die mittlerweile fast alle in Hamburg leben, einen engeren Bezug zu Bremen? 

Lauer: Beim Nordlicht war im vergangenen Jahr keiner von uns. Bezug zu Bremen haben fast alle aus der Band. Mit Niki haben hat Jupiter Jones häufiger im Tower gespielt und ich habe mal in einer alten verranzten Punk-Kneipe mit einer Combo gespielt. Ich weiß aber den Namen nicht mehr. Fußball ist dann ja auch so eine Sache. Ich bin St. Pauli Fan. Da die aber eher gegen dritte Liga tendieren, freue ich mich natürlich immer, wenn der HSV gegen Werder Bremen spielt. Weiter möchte ich das nicht kommentieren.

Der Album-Termin steht noch nicht. Oder? 

Lauer: Sommer könnte knapp werden. Wir arbeiten mit Hochdruck dran, dass es gut wird.

Jupiter Jones Live:

17. April, Nordlicht Festival, Bremen

19. - 21. Juni, Hurricane-Festival, Scheeßel

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