Julia Baier begleitet Bremens Spitzenorchester rund um den Globus

Deutsche Kammerfotografie

Tauben im Tiefflug: Auch Hochglanzmotive für das nächste Programm sind in der Ausstellung im Focke-Museum zu sehen.
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Tauben im Tiefflug: Auch Hochglanzmotive für das nächste Programm sind in der Ausstellung im Focke-Museum zu sehen.

Bremen - Von Mareike Bannasch. Aus, Schluss, vorbei: Wo eben noch Musiker saßen, bleiben nur leere Stühle. Mit schmalen Lehnen und irgendwie unbequem stehen sie da, unter ihnen große Lachen auf dem blank polierten Holzboden. Wie gewöhnliches Wasser sieht das aus, was da die Maserung entlang rinnt. Ist es aber nicht wirklich, sondern Kondenswasser. Denn auf den Stühlen haben bis vor kurzem noch die Bläser gesessen. Ob sie noch mal zurückkommmen? Keine Ahnung, vielleicht, die Noten sind zumindest noch da.

Eigentlich lässt sich Julia Baiers Auftrag ziemlich schnell umreißen: die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen möglichst gut aussehen lassen, zumindest auf Fotos. Auf dass sich der Ruf des Ensembles auch dank visueller Hilfe weiter festigen möge. Seit bereits 15 Jahren reist die mittlerweile in Berlin lebende Absolventin der Hochschule für Künste Bremen mit den Musikern rund um den Globus und ist immer mit dabei, egal ob bei den Proben, in der Pause oder den Konzerten.

Diese Einblicke, weit mehr als nur gestellte Hochglanzmotive, sind ab morgen in der neuen Sonderausstellung im Bremer Focke-Museum zu sehen. Unter dem Titel „in tune“ hat Baier 100 Schwarzweiß-Fotografien ausgewählt, die den immer währenden Kreislauf eines Orchesters abbilden: ankommen, proben, auftreten, weiterreisen. Jeden Tag der gleiche Rhythmus, der Urlaub als kurze Unterbrechung bevor es wieder zurück geht ins Hamsterrad.

Klar, solch ein Job führt in weit entfernte Länder wie die USA, Brasilien oder Japan. Orte, die manch anderer niemals bereisen wird, da fällt das mit dem Mitleid nicht ganz so leicht. Und doch schafft es Julia Baier, in ihren Fotografien immer wieder, auch einen Eindruck von der harten Arbeit zu vermitteln, die hinter einer Tournee steckt, ob als Kondenswasser auf dem Fußboden oder im Gesicht einer jungen Musikerin, die mit geschlossenen Augen und im Schlabberlook in der Probe neue Energie tankt, das Kontrafagott natürlich an ihrer Seite.

So mischen sich in dieser Schau Detail- und Totalaufnahmen, offensichtlich inszenierte Fotografien und solche, die aus dem Moment heraus entstanden sind. Ihnen allen gemeinsam ist der schwarz-weiße Konstrast, der die manchmal doch recht schlechten Lichtverhältnisse im Konzertsaal gekonnt ausblendet. Hier gibt es keinen Grünstich oder grellen Lichtblitz, der die Aufnahme ruinieren könnte, stattdessen ästhetische Uniformität, die auch zu einer Referenz an den schwarz-weißen Dresscode des Orchesters wird.

Nicht nur ihre Kontraste vereinen die Bilder, Julia Baier lässt sich auch immer wieder von vorhandenen Strukturen leiten. So zeigt eine Aufnahme eine gerade gezogene Stahlschrankreihe, blitzsauber natürlich, mit ebenfalls gerade gerückten Holzbänken davor. Keine miefige Schulsportumkleide, sondern die Garderobe der Kammerphilharmonie, die auch erst auf den zweiten Blick zu erkennen ist. Oben auf der Metallwand stehen nämlich, in Reih und Glied versteht sich, die Lederschuhe des Ensembles. Eine Szene, bei der man sich unweigerlich die Frage stellt, wer nur auf die geistreiche Idee gekommen sein mag, das Schuhwerk an der höchsten Stelle im Raum abzulegen und sekündlich darauf wartet, dass die Putzkolonne noch mal eben feucht durchwischt.

Natürlich finden sich in der Ausstellung auch solche Fotografien, die der Arbeitgeber erwartet: Aufnahmen aus dem Publikum auf das Orchester, jubelnde Menschenmassen, die sich vor Begeisterung nicht mehr einkriegen und aufs Genaueste durchchoreografierte Proben vor einem Pavillon im Bürgerpark. Das könnte langweilig und einfallslos daherkommen, Baier gibt diesen Motiven jedoch einen ganz eigenen Blickwinkel und manchmal auch Kritik mit, wie zum Beispiel auf dem Foto eines Auftritts in Istanbul, das zur Zeit der Unruhen rund um den Gezi-Park entstanden ist.

Zur Zugabe hat der türkische Dirigent noch mal schnell das Jackett gewechselt, trägt nun ein großes Peace-Zeichen auf dem Rücken. Ein politisches Statement für mehr Toleranz, weniger Polizeigewalt und gegen den Staatspräsidenten – sicher kein Alleingang. Schön, dass ein Orchester dieser Größe auch Kritik zulässt, möchte man nun rufen. Doch diese Begeisterung spart sich der Betrachter beim Blick auf den Bühnenrand lieber. Zu den Füßen des Ensembles prangt direkt in der Mitte ein kleines silbernes Gebilde, kein weiteres Friedenszeichen, sondern das Mercedes-Logo. Offenbar hat das Unternehmen den Abend gesponsert und entlarvt mit seinem Schild die Scheinheiligkeit solcher Friedensaufrufe. Denn am Ende, egal ob nun Autobauer oder Orchester, zählt nur eins: Gewinn, und zwar möglichst viel davon.

„in tune“ bis 13. September, Focke-Museum, Schwachhauser Heerstraße 140. Öffnungszeiten: Die 10-21 Uhr, Mi-So: 10-17 Uhr.

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