Anlässlich des bevorstehenden Abschlusses einer Händel-Trilogie: Countertenor Kai Wessel im Gespräch

Jetzt ohne den Exoten-Bonus

Countertenor Kai Wessel, hier in Teil II der Händel-Trilogie – Liebe und Krieg – als Todesengel. ·
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Countertenor Kai Wessel, hier in Teil II der Händel-Trilogie – Liebe und Krieg – als Todesengel.

Hannover - Von Jörg Worat. Abschlussrunde der Händel-Trilogie beim „SchlossAkkord Musikfestival“: Die Werke des Barock-Meisters an ungewöhnlichen Orten in szenischen Aufführungen erfahrbar zu machen, lautet das Ziel dieser Reihe.

Am 31. August wird in den hannoverschen Eilerswerken, einst Stätte der Stahlproduktion, gespielt und gesungen.

Weitere Aufführungen finden in der Hildesheimer Michaeliskirche, in Vechta und auf Schloss Oelber statt. Ein Stammgast der Reihe ist der renommierte Countertenor Kai Wessel, Jahrgang 1964. Eine gute Gelegenheit, mit dem Spitzensänger, der sich auch als Komponist einen Namen gemacht hat, ein Gespräch zu führen.

Wollten Sie als Kind eigentlich zunächst Sänger werden oder Komponist? Und vielleicht doch zwischendurch mal Feuerwehrmann?

Kai Wessel: Weder Feuerwehrmann noch Lokführer – doch, Pilot vielleicht. Ich habe immer vom Fliegen geträumt. Und fliegen tue ich jedes Mal furchtbar gern. Obwohl ich immer gern gesungen habe – im Kindergarten, in der Schule, in der Gemeinde –, wollte ich seit dem achten Lebensjahr Komponist werden. Eine eigene Musik zu kreieren war und ist für mich nach wie vor das höchste Glück! Eine Komposition zu Papier zu bringen, ist ein Gang durch die Hölle; aber dann kommt der Höhenflug bei der Niederschrift der letzten Note. Dies Gefühl ist ein Streifen der Ewigkeit – auch wenn es eitel klingt. Diese Energie, die ich aus dem höchsten Maß der Kreativität schöpfe, ist unbeschreiblich und mit einer Aufführung als Sänger nicht vergleichbar. Der Gesang kam dann als Beigabe; die Stimme als sehr persönliches Ausdrucksmittel war mir zwar bekannt, aber den Traum von einer Sängerkarriere hatte ich zunächst nicht.

Wie kam dann die Entwicklung zum Countertenor zustande? In Ihrer Zeit dürfte das ja noch nicht so populär gewesen sein wie heute. Selbst wenn die automatische Windows-Rechtschreib-Prüfung nach wie vor behauptet, dass das Wort „Countertenor“ nicht existiert …

Wessel: Zu meiner Zeit – herrje, jetzt komme ich in das Alter, in dem ich voll Inbrunst den Hagedornschen Text interpretieren darf! (lacht) Ja, stimmt schon, in den 80er-Jahren war ein Countertenor noch ein Paradiesvogel, der auch auf viel Ablehnung stieß – nicht nur seitens des Publikums. Mir wurde das Operndiplom verwehrt, da man mein Singen als vorübergehende Mode ansah. Entdeckt hat die Stimmlage, die mir nur durch Aribert Reimanns Oper „Lear“ bekannt war, meine Gesangslehrerin in Lübeck, Frau Prof. Ute von Garczynski. Sie kannte sich – Gott sei Dank – aus und traute sich dann auch, mich auszubilden. Ein großes Glück, das mich zum Sänger machte, der dann später nebenbei komponierte.

Gibt es inzwischen mehr Countertenöre, als die Welt – oder der Markt – braucht?

Wessel: Es gibt inzwischen sehr viele und sehr gute junge Countertenöre, die sich einer großen Konkurrenz gegenüber sehen. Aber sie erobern jetzt auch andere Epochen, die für diese Stimmgattung nichts produziert haben. Und Sie dürfen nicht vergessen: Es hat Countertenöre, wie sie heute auf den Bühnen und Podien zu finden sind, nicht gegeben. Sie sind eine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Ich kann nicht sagen, dass es zu viele gibt; nur haben Sänger mit durchschnittlicher Qualität weniger Chancen als früher. Den Exoten-Bonus gibt es nicht mehr; ein ganz natürlicher und guter Vorgang.

Als Interpret sind Sie in der Alten Musik zuhause, als Einflüsse für Ihre Kompositionen werden aber nur Neutöner oder die Klassische Moderne genannt. Spielen die alten Meister dabei gar keine Rolle – jetzt mal abgesehen davon, dass beispielsweise Schönberg ja durchaus etwas von einem Traditionalisten hat?

Wessel: Natürlich fließen die alten Meister in meine Kompositionen ein – Sie kennen meine Kompositionen nicht, weil sie kaum gespielt werden. Aber sowohl strukturell („Passacaglia“, „Claudius-Lieder“) als auch in offenen Zitaten („The Tele-Man in Town“, „Ninna-Nanna“) sind sie präsent. Außerdem: Ich bin seit Jahren mehr in der zeitgenössischen Musik unterwegs als in der Alten. Für einen Countertenor sind diese Pole heute gleichwertig. Unglaublich spannend. Und wenn eine Partie speziell für meine Stimme geschrieben wird, kann ich den Verlust an Zeit zum Komponieren leichter verschmerzen, da ich an einem Schöpfungsprozess unmittelbar beteiligt bin.

Was hören Sie privat? Am schönsten wäre so etwas wie Death Metal oder Lena.

Wessel: Naja, wirklich in erster Linie klassische Musik. Aber Oldies, ab und an Pop oder Jazz, dürfen auch mal sein. Alanis Morissette finde ich großartig!

Was machen Sie in Ihrer kargen Freizeit? Haben Sie irgendwelche obskuren Hobbies? Sammeln Sie etwas Merkwürdiges?

Wessel: Da ich mein liebstes Hobby zu meinem Beruf gemacht habe, ist auch die Musik die Erfüllung der Freizeit. Und weder Wandern, Lesen oder Joggen sind obskur. Allerdings sammle ich Wohnsitze, denn ich lebe abwechselnd – neben Köln – in der Lüneburger Heide und in Istanbul. Ein durchaus zeitraubendes Hobby.

Händel-Trilogie III: Ewigkeit: 29. August: 20 Uhr, St. Michaelis Hildesheim; 30. August: 20 Uhr, Metropol-Theater Vechta ; 31. August: 20 Uhr, Eilerswerke Hannover; 1. September:

18 Uhr Schloss Oelber.

Info: Tel 0511 – 168 41222

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