Wahrnehmen, einfühlen, mitfühlen: Im Bremer Gerhard-Marcks-Haus begegnet der Mensch der Figur

Jetzt geht es ans Gemachte

Christina Doll: „Bobby, 2008“.

Von Rainer BeßlingBREMEN (Eig. Ber.) · Vor sechs Jahren stand Jan Ketelaars monumentale Eisenskulptur vor der Börse in Amsterdam: eine füllige Nackte mit dem Titel „Meer“ (Mehr), die ihre Hände ausstreckt, offenkundig ohne Maß in ihrer Gier. Die Nähe zum Geldumschlagplatz und Spekulationszentrum ließ bei den Passanten keine Zweifel an der Stoßrichtung dieses plastischen Kommentars zur Krise aufkommen.

Nun empfängt die riesige Bettelnde in Gesellschaft ähnlich hoch, aber weniger breit gewachsener Männer das Publikum des Bremer Gerhard-Marcks-Hauses. Einer der Herren eröffnet mit einer weisenden und einer abwehrenden Hand gleichfalls gestisch einen Dialog mit dem Betrachter und zeigt auf mögliche Entschlüsselungen figürlichen Symbolgehaltes. Hier im Kunstraum ist die metaphorische Anlagerung auch der nackten Dicken offener als vor der Börse. Im geschlossenen Saal ist jedoch die Wirkung der voluminösen Leiber direkter. Ketelaars Plastiken füllen das Museumsentree, stellen sich dem Besucher in den Weg, zwingen ihn aufzuschauen und bedrängen ihn körperlich.

„Es geht ans Eingemachte“ nennt Arie Hartog, Direktor des Marcks-Hauses, seine neue Ausstellung. Obwohl die ausgestreckten Hände gleich zur Eröffnung auch als Zwangsgeste chronisch Not leidender Kunsteinrichtungen gelesen werden könnten, geht es diesmal weder im Titel noch bei den Exponaten um Existenzgefährdung von Kultur. Mit dem „Eingemachten“ ist vielmehr der Kern der Plastik gemeint. „Mensch begegnet Figur“ lautet entsprechend der Untertitel der Schau, die morgen eröffnet wird.

Thematisierte Hartog mit der vorangegangenen Sockel-Ausstellung die deutlich erkennbare Erhöhung der Skulptur zum künstlerischen Produkt, rückt er nun die Plastik nahe ans Publikum und konfrontiert Menschen direkt mit Menschenbildern. Wahrnehmen, einfühlen und mitfühlen sind in dieser Ausstellung kurzgeschlossen. Oder aus einer anderen Perspektive betrachtet: Hier wird eine bestimmte Wahrnehmungsweise reflektiert. Was passiert in der direkten Konfrontation des Betrachters mit Skulpturen, die Distanz verweigern, nicht Formempfinden vor das Mitgefühl schieben und Abwendung mit schlechtem Gewissen belegen?

Ganz allein ist der Besucher mit Christina Dolls „Bobby“ im Raum. Die ebenfalls übergroß dimensionierte Betonfigur sitzt in der Mitte des Raums. Präsent und zugleich verloren wirkt der massige Körper, der unter seiner gräulich-weißen Oberfläche individuelle Züge allenfalls erahnen lässt. Die pure Größe allerdings zwingt hier zum Hinsehen, während im Alltag in der Regel reichlich Möglichkeiten zur Flucht vor dem Abweichenden offen stehen. Im Dreiecksverhältnis Figur, Raum, Betrachter offenbart sich eine bestimmte Maßstäblichkeit der Wahrnehmung sowohl des fremden als auch des eigenen Körpers. Geht das Volumen, mit dem das Auge konfrontiert wird, über ein bestimmtes Maß hinaus, ist auch das Empfinden aus der Bahn geworfen, und der Betrachter bekommt es auch mit sich selbst zu tun.

So funktioniert Arie Hartogs neue Ausstellung, zu der noch Plastiken des Bremers Markus Keuler und eine figürlich-textile Rauminstallation von Iris Kettner gehören, als Teil einer Reihe mit fundamentalen kunsttheoretischen Fragestellungen. Bildwissenschaftlich will der Marcks-Haus-Chef die Besonderheiten der Wahrnehmung von Skulpturen zum Thema machen. Das klingt trocken, trifft aber den Kern vor allem der figürlichen plastischen Arbeit. Wie wirkt die Figur, ohne dass sie in den Verdacht appellativer Überrumpelung oder moralisierender Überfrachtung gerät?

Dass seine Ausstellungen nicht nur an aktuelle Theorie-Debatten andocken, sichert Hartog im übrigen durch seine eigene Fahndung nach neuen Themen und Motiven. Der Kunsthistoriker konsultiert nicht Kollegen oder lässt sich von Sammlern Motto und Exponatlisten einflüstern, sondern bittet Künstler um Ideen und Vorschläge. So deutet sich bereits eine neue, konsequentere und spannendere Programmlinie an als zu Zeiten seines eher vom Potpourri-Konzept getriebenen Vorgängers.

Inhaltlich schlüssig kommt auch der Haus-Patron Gerhard Marcks mit einem ganzen Raum in dem Ausstellungskontext zum Zug – und zwar als Gegenpol. Zielen Ketelaar, Keuler, Kettner und Doll auf Unmittelbarkeit, stellt Marcks bewusst die Form zwischen Mensch und Figur. Hier geht es also weniger ums Eingemachte als um das Gemachte. Durch den Zwischenschritt der Zeichnung entfernte sich Marcks vom konkreten plastischen Gegenüber und übertrug das Naturvorbild auf elementare, universelle Gestaltungselemente. Allerdings sah er sein Verfahren als unverzichtbaren Umweg zur Substanz der Figur: „Man bemüht sich sein Leben lang um die Form – schließlich tut man nur hinweg, was lästig war. Übrig bleibt das Bild.“

(Gerhard-Marcks-Haus, 13. Juni bis 5. September, Katalog. Öffnungszeiten: Di.-So. 10 bis 18 Uhr.)

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Meistgelesene Artikel

„Tatortreiniger“ Bjarne Mädel gibt nach 31 Folgen den Wischmob ab

„Tatortreiniger“ Bjarne Mädel gibt nach 31 Folgen den Wischmob ab

„Tatortreiniger“ Bjarne Mädel gibt nach 31 Folgen den Wischmob ab

Kommentare