Jethro Tulls Album „Warchild“

Umstrittene Scheibe in neuem Gewand

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Hannover - Von Jörg Worat. „I‘m a one-band-man”: So sang einst Ian Anderson im Stück „Baker Street Muse“. Und in der Tat ist sein Name untrennbar mit der Gruppe Jethro Tull verbunden, die 1968 ihre erste LP herausbrachte und trotz mancher Umbesetzungen und Pausen genau genommen bis zum April 2014 existierte – da nämlich äußerte Anderson explizit, dass er, der bis dato schon die eine oder andere Soloscheibe herausgebracht hatte, nunmehr alle musikalischen Projekte unter eigenem Namen zu publizieren gedächte.

Zu Jethro Tull gibt es indes mittlerweile eine Reihe von „40th Anniversary Special Editions“, und in der neuesten Ausgabe dreht sich alles um das Album „War Child“.

Es zählt zu den umstrittensten im Tull-Kanon und wurde schon bei der Erstveröffentlichung 1974 von vielen Fans abgelehnt. Ein Hauptgrund dafür war die Rückkehr zu kompakteren und kürzeren Titeln, nachdem die Vorgängeralben „Thick as a Brick“ und „A Passion Play“ jeweils ein einziges Opus Magnum präsentiert hatten, wenngleich in Zeiten der LP notgedrungen auf zwei Plattenseiten verteilt. Man kann allerdings durchaus darüber streiten, ob das konventionellere Songformat wirklich ein Nachteil war, zumal die Band ihre Wurzeln im Blues der etwas raueren Art hatte und sich insofern von anderen britischen Art-Rock-Gruppen wie Yes oder King Crimson unterschied.

An Abwechslungsreichtum mangelt es „War Child“ jedenfalls ebenso wenig wie an Experimentierfreude. So griff Anderson, bekannt dafür, die Querflöte in der Rockmusik bekannt gemacht zu haben, bei diesen Aufnahmen öfter auch mal zum Saxophon, während Keyboarder John Evan unter anderem Akkordeon spielte und so etwa dem Stück „Queen and Country“ einen eigenartigen Shanty-Touch verpasste. „Sealion“ klingt wie eine Mischung aus Hardrock und Zirkusmusik, das Gitarrensolo in „Back-Door Angels“ wiederum fetzt zwar, ist aber über eine angeschrägte Rhythmik gelegt, ein Markenzeichen der Band, das deren damaliger Schlagzeuger Barrie Barlow ganz besonders gut zur Geltung brachte. „Ladies“ und andere Titel haben, auch dies tulltypisch, einen folkigen Touch. Einzig „Bungle in the Jungle“ besitzt so etwas wie Mitgröl-Potential und wurde ein Top-12-Hit in den USA, was für einige Fans ein unverzeihliches Vergehen darstellte.

Was bietet nun die neue, limitierte Box? Je zwei CDs und DVDs, die verschiedene Abmischungen des Originalmaterials enthalten, unter anderem Remixe von Steven Wilson. Der ist zwar nun auch nicht gänzlich unumstritten, doch klingt die Musik zweifellos süffig und up to date – ganz abgesehen davon, dass Wilson offenbar einen Hang dazu hat, die in Abmischungen oft etwas untergebutterten Keyboards aufzuwerten. Ferner gibt es eine ganze Reihe von Bonus Tracks, die keineswegs schlecht sind (zum Beispiel „Paradise Steakhouse“ oder „Rainbow Blues“), aber größtenteils schon von anderen Veröffentlichungen bekannt. Drei Titel erblicken indes erstmals das Tageslicht, und mit einer Ausnahme trifft das sogar auf sämtliche zehn Orchesteraufnahmen zu – Teile eines Soundtracks zu „War Child“, das ursprünglich auch als Filmprojekt geplant war. Hier stößt die Tull-Musik, Vielfalt hin oder her, aber an ihre Grenzen; der ganz große Tiefgang bleibt aus, manches plätschert recht vage dahin, und die Zitate, etwa aus Ravels „Bolero“, machen die Sache auch nicht viel besser.

In visueller Hinsicht beschränkt sich die Box auf den Mitschnitt einer 1974er Pressekonferenz und ein kurzes Promo-Live-Video, beides sicher zeitgeistig, doch entbehrlich und punktuell eher albern. Dass Ian Anderson indes durchaus einen sehr feinen Humor hat, wird in dem üppigen Booklet deutlich, das mancherlei Fanfutter enthält, hervorstechend dabei die Anmerkungen des Bandleaders zu den einzelnen Titeln. Weit entfernt von jeglicher nostalgischer Verklärung entwickelt Anderson hier eine sehr angenehme kritische Distanz, äußert sich etwa immer wieder skeptisch zu seinen Saxophonkünsten, zitiert und relativiert auch seine damaligen Anmerkungen zum Titelsong: „Wow. Ein bisschen überfrachtet, nicht wahr!“

Tatsächlich entsteht sogar der Eindruck, dass Anderson unter dem Strich „War Child“ nicht unbedingt für das gelungenste Tull-Album hält. Zu entdecken gibt es auf dieser Box gleichwohl genug, wenn auch ein aufgedruckter Schnitzer auf die falsche Fährte führen könnte: Das Copyright wird hier nämlich auf das Jahr 2104 datiert – und so weit voraus ist diese Musik ihrer Zeit dann doch nicht.

Jethro Tull: „Warchild – the 40th Anniversary Special Edition“, CD und DVD; 26,99 Euro.

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