Jesus ist jetzt in der Band

Staatstheater Oldenburg zeigt Musical-Klassiker

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Echte Gefühle für Jesus Martyna Cymerman als Maria Magdalena.

Oldenburg - Von Erik Hermann. Andrew Lloyd Webber war bei der New Yorker Uraufführung seines Musicals „Jesus Christ Superstar“ im Jahr 1971 erst 23 Jahre alt und weitgehend unbekannt. Mit dieser „Rockoper“ begann sein Weltruhm, den er mit Stücken wie „Evita“, „Cats“, „Starlight Express“ und „Phantom der Oper“ festigte.

Aber schon „Jesus Christ Superstar“ ist ein ausgesprochener Geniestreich und genießt bis heute Kultstatus. Um Starkult geht es auch in der Inszenierung von Erik Petersen am Oldenburgischen Staatstheater. Er hat die Geschichte in die heutige Zeit verlegt und aus Jesus von Nazareth den Frontsänger einer Rockband gemacht. Der wird von seinen Fans euphorisch bejubelt, er selbst aber ist ein ausgebrannter Mann, der am Ende seiner Kräfte angelangt ist und von Selbstzweifeln getrieben wird. Gleich zu Anfang sieht man ihn bei einem Auftritt mit seiner Band „The Prophets“, zu dem er sich regelrecht überwinden muss. Petersen zeigt die Szene aus einer gelungenen Perspektive: Die Musiker und der Sänger stehen mit dem Rücken zu den Theaterzuschauern und spielen für ein imaginäres Publikum im Hintergrund. Die Szene spielt im Backstage-Bereich. Dort tummeln sich die Mitglieder der Rockband, darunter Judas Ischariot und Maria Magdalena.

Jesus ist in seinem schwarzen Büßergewand immer noch eine charismatische Figur, aber sein Handeln wird von Judas kritisch betrachtet. Der erkennt nämlich, wie der Starrummel um Jesus diesen verändert hat. Die Ambivalenz von Ruhm mit kultischer Verehrung und schnellem Vergessen ist ein Thema dieser Inszenierung. Die Verlegung in das Milieu von Popstars ist dabei bestens gelungen und beißt sich nicht mit dem Text.

Attraktive Showbühne

Zudem ist die musikalische Fassung für eine Rockband gewählt worden. Der Verzicht auf ein großes Orchester ist da mehr als angebracht, zumal die fünf Musiker keine Wünsche offen lassen und die Songs von Andrew Lloyd Webber sehr eindringlich und wirklich rockig servieren. Mit Jürgen Grimm (Keyboard und Leitung), Tobias Deutschmann (Keyboard), Peter Engelhardt (Gitarre), Rainer Wind (Bass) und Robert Walla (Schlagzeug) ist eine tolle Band aufgeboten, die im Hintergrund auf einer erhöhten Spielfläche agiert.

Die Ausstattung von Sam Madwar zeigt eine attraktive Showbühne, die sich bei der Auspeitschung und Kreuzigung von Jesus in ein Kabinett des Schreckens wandelt. In dieser tief berührenden letzten Szene hat sich Petersen von der Glanzwelt des Showbusiness verabschiedet, die zuvor durch bunte Lampions, die lebendige Choreographie Yoko El Edrisi, oder den grell-bunten Showauftritt von Herodes gekennzeichnet war. Hier geht es nur noch um das Leid eines gequälten Menschen. Oedo Kiepers verdeutlicht den zerrissenen Charakter dieser Jesus-Figur mit vielen feinen Differenzierungen und einer herausragenden Gesangsleistung. Sein „I only want to say“ geht unter die Haut.

Maria Magdalena wirkt zunächst wie ein Groupie, hat aber doch echte Gefühle für Jesus. Martyna Cymerman verleiht ihnen mit ihrer Ballade „I don’t know how to love him“ mit seidigem Sopranglanz tiefen Ausdruck. Als Judas Ischariot hinterlässt Rupert Markthaler einen nachhaltigen Eindruck. Paul Brady legt als Herodes einen schillernden, skurrilen Auftritt der Extraklasse hin. Herodes wird von Kaiphas protegiert, der wie ein konkurriender Impresario daherkommt, aber von Henry Kiichli nicht optimal gesungen wird. Mark Weigel kann als zynischer Pontius Pilatus überzeugen, Kim David Hammann ist als Petrus rollendeckend. Eine sehr empfehlenswerte Aufführung, die das Publikum mit außergewöhnlichem Jubel honoriert.

Die nächsten Aufführungen am 13. & 14. November.

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