Die Kunsthalle Bremen zeigt, was wir Menschen anbeten

Von Jesus bis zum Influencer

Elaine Sturtevants „Triptych Marilyn“ aus dem Jahr 2004, ausgeliehen vom Estate Sturtevant, Paris. Foto: Charles Duprat

Bremen - Von Rolf Stein. Es war in den vergangenen Monaten ein Summen und Raunen um die Bremer Kunsthalle, die wir im aktuellen Kontext wohl erst recht einen Musentempel nennen dürfen, wenn nicht gleich müssen. Und innendrin rumorte es gar schon seit Jahren. Der Gedanke, der sich nun manifestiert hat, ist auch geradezu gefährlich naheliegend: Dem zu allererst kunstimmanenten Begriff der Ikone mitsamt ihren längst aktenkundig gewordenen Aktualisierungen und Travestien ein Denkmal zu setzen.

Alles musste raus, um den diversen Ikonen einen würdigen Rahmen zu bieten, die wiederum von privaten Sammlern und Museen in aller Welt nach Bremen kommen sollten, wobei, deutet Kunsthallen-Direktor Christoph Grunenberg  an, das Guthaben an Gefälligkeiten im Zuge der Ausleihanfragen einigermaßen auf Null geschrumpft wurde. Die ganze Kunsthalle den „Ikonen“ zu widmen, wie die neue Ausstellung schlicht heißt, ermöglicht das Notwendige.

Es wäre freilich banal, einfach ein paar Bilder zusammenzuleihen, die jeder kennt, um sich einen Blockbuster ins Haus zu organisieren. Und es wäre fahrlässig. Wir leben längst in einer Umgebung, in der das Ikonische zu annähernder Bedeutungslosigkeit vernutzt ist. Wobei noch in der banalsten Aneignung des Begriffs eine Spur von dem erhalten sein dürfte, was der Untertitel der Schau verspricht: „Was wir Menschen anbeten“.

Eine Ikone ist zunächst schlicht ein Bild, ein Abbild, kommt zu ihrer engeren Bedeutung dann im Kontext der mittelalterlichen Ostkirchen, in denen eine spezifische Form der Heiligenbildnisse entsteht. Diese haben, wie das Mandylion, ihre Urheberschaft im Göttlichen und sind damit Repräsentanz dessen, was anzubeten wäre.

Hier setzt „Ikonen“ ein, mit einem beispielhaften Bildnis Jesu, das auf wundersame Weise, ohne menschliches Zutun also, zustande gekommen sein soll. Schon in dieser Form ist die Ikone höchst wirkmächtig bis in unsere Zeit: Eigens für die Bremer Ausstellung malte der US-amerikanische Künstler Kehinde Wiley sein Porträt von Malak Lunsford, einem afroamerikanischen Tänzer und fasste es in einen prächtigen Schnitzaltar.

Nun wäre freilich schon die Form der Ikonenmalerei mitsamt ihrer Rezeptionsgeschichte durch die Jahrhunderte ein erschöpfendes Thema einer Ausstellung. Ebenso wie die Frage des Bilderverbots auch im Christentum oder die Ikonisierung des Alltags (siehe: Instagram). Das kommt auch alles dran in „Ikonen“. Aber über allem steht die große Frage danach, was der Mensch anbetet. Und das hat sich beträchtlich gewandelt. Christoph Grunenberg erklärt beim Gang durch die Kunsthalle, dass an die Stelle religiöser Systeme und ihrer Personifizierungen die Kunst getreten sei. Sie stiftet Sinn, in dem sie ein höheres Wertesystem respräsentiert, das dem Profanen enthoben ist.

Vincent Van Gogh verkörpert wie kein zweiter jenen Typus des Künstlers, der gegen alle Widerstände der Kunst lebt und darüber zu einer freilich heute ihrerseits fragwürdigen Heiligenfigur verherrlicht wurde. Sein „Selbstbildnis mit grauem Filzhut“ dürfte eine der Hauptattraktionen der „Ikonen“ sein. Und – es wird Zeit, darauf hinzuweisen – wie bei den anderen Ausstellungsstücken erlaubt das Konzept von „Ikonen“ auch hier eine exklusive Begegnung mit dem Kunstwerk, indem pro Raum eben nur eine Arbeit oder Werkgruppe präsentiert wird. Bei 60 Räumen ist also eine Menge zu sehen.

Ganz ohne Interferenzen geht es dabei nicht zu: Janet Cardiffs Klanginstallation „The Forty-Part Motet“, ist nicht nur auch in den angrenzenden Räumen des ersten Stockwerks zu hören. Vielleicht ist das aber auch ganz gut so. Um nicht in allzu ergriffener Verzücktheit der Kunst als Religionsersatz – salopp gesagt – auf den Leim zu gehen, ist ein wenig Verstörung hilfreich.

Zum Glück setzt die Kunst selbst Widerhaken: Die „Mona Lisa“ als das ikonische Gemälde schlechthin? Ist natürlich vertreten. Aber nicht im Original, sondern in Kopien – sowie in Marcel Duchamps Lesart, erstens mit Oberlippenbart, zweitens auf einer Postkarte als „rasierte Mona Lisa“ ohne selbigen.

Sehen

Ab Samstag, bis 1. März 2020, Kunsthalle Bremen; Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen, der für 35 Euro im Museumsshop erhältlich ist.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Löw-Team bucht EM-Ticket - "Sehr zufrieden"

Löw-Team bucht EM-Ticket - "Sehr zufrieden"

Jahrestag der Proteste: "Gelbwesten" demonstrieren in Paris

Jahrestag der Proteste: "Gelbwesten" demonstrieren in Paris

Baerbock und Habeck erneut an die Spitze der Grünen gewählt

Baerbock und Habeck erneut an die Spitze der Grünen gewählt

Jugendliche gestalten Volkstrauertag in Verden

Jugendliche gestalten Volkstrauertag in Verden

Meistgelesene Artikel

Im barocken Zaubertheater

Im barocken Zaubertheater

Wiedergänger mit Herz

Wiedergänger mit Herz

Wahn und Wirklichkeit

Wahn und Wirklichkeit

„Blechtrommel“ in Bremerhaven: Grass-Klassiker als gut geöltes Bildertheater

„Blechtrommel“ in Bremerhaven: Grass-Klassiker als gut geöltes Bildertheater

Kommentare