Benedikt von Peter inszeniert „La Traviata“ am Theater Bremen

Jenseits der Dekoration

Oper physisch erfahrbar machen ist ein Anliegen von Benedikt von Peter. ·
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Oper physisch erfahrbar machen ist ein Anliegen von Benedikt von Peter.

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze. Die Kurtisane Violetta Valéry verliebt sich in den bürgerlich situierten Alfredo und lebt mit ihm zusammen. Sein Vater verlangt von ihr, für die Ehre seiner Familie, auf ihn zu verzichten.

Sie geht darauf ein und stirbt – lungenkrank. In Hannover hat der jetzt die Bremer Oper leitende Regisseur Benedikt von Peter Guiseppe Verdis Oper „La Traviata“ von 1853 in einer sensationellen Sicht umgesetzt, eine Inszenierung, die jetzt in Bremen mit Patricia Andress in der Hauptrolle kurz vor der Premiere steht. Im Gespräch erläutert der 36-jährige Regisseur die Radikalität seiner Fokussierung auf die Hauptdarstellerin.

Das Konzept ist nach der so erfolgreichen Inszenierung in Hannover und verschiedenen Einführungsveranstaltungen kein Geheimnis mehr: Violetta wird über zwei Stunden alleine auf der Bühne stehen, die gesamte Erzählung wird zum Monolog einer einsamen Frau. Wie ist die Idee zu diesem ungewöhnlichen Konzept entstanden?

Benedikt von Peter:Wenn man die Partitur genau studiert, stellt man sehr schnell fest, dass wir es mit einer eigenartigen Liebesgeschichte zu tun haben, in der die Liebe nur eine fingierte, keine wirklich gelebte ist. Bereits die Ouvertüre zeichnet einen psychoanalytischen Raum des Todes – einen Raum des einsamen Innen. Violetta bezeichnet sich selbst als „Sola! Abbandonata!“, als einsam und verlassen, sie hat kein wirkliches Liebesduett mit Alfredo und geht überraschend schnell auf die Zumutung des Vaters ein, Alfredo zu verlassen. So wird sehr bald deutlich: Das ist die projektive monologische Liebe eines Liebesbriefes.

Ein solches Konzept lässt sich ja nicht abstrakt umsetzen, sondern nur mit Künstlerinnen, die sich auch darauf einlassen. Welchen Einfluss hatte die Begabung einer Sängerin wie Nicole Chevalier in Hannover auf Ihre Konzeption?

von Peter:Zunächst einmal keinen. Ich kannte sie gar nicht. Erst in der Realisierung haben sich gemeinsame Lösungen ergeben. Es war eine tolle Zusammenarbeit.

Hat eine Sängerin wie Patricia Andress zu der Entscheidung beigetragen, das Konzept in Bremen ein zweites Mal zu versuchen?

von Peter: Ja. Wenn es hier eine Künstlerin gibt, die das kann, dann ist sie es!

Können Sie an dieser Stelle verraten, was anders wird und warum?

von Peter:Zwar ist der Abend äußerst genau gebaut, aber dadurch, dass es kaum Bühnenbild gibt, wird die Inszenierung natürlich zutiefst von der jeweiligen performenden Sängerin geprägt. Sowohl Nicole als auch Patricia geben dem Abend durch ihren Charakter eine ganz eigene Färbung. Die Arbeit mit Patricia war sehr konzentriert und intensiv, die Hauptfrage und These des Konzepts „Bin ich Mensch – bin ich Objekt“ erfährt durch sie eine große Tiefe. Dadurch, dass die Bühne und der Zuschauerraum in Bremen kleiner sind, wird der gesamte Abend stiller, melancholischer, kammerspielartiger.

Verdi hat dem Sänger Varesi geraten, sich um Text und Darstellung zu kümmern, „die Musik kommt von selbst“. Die Rolle „sein“, bis die Musik „von selbst“ kommt: Was bedeutet das für Ihre Arbeit und vielleicht insgesamt für Ihre Auffassung von Oper?

Von Peter:Eine lungenkranke Sängerin: Das ist in höchstem Maße physischer Ausdruck. Man hört pure, menschliche Laute. Obwohl die anderen Sänger quasi konzertant vom Zuschauerraum aus singen, versuche ich, physisch mit ihnen zu arbeiten: Es geht darum, den puren Gesang szenisch hörbar zu machen und somit theatral werden zu lassen. Für mich ist immer wichtig, Oper physisch erfahrbar werden zu lassen.

Viele Ihrer Kollegen inszenieren oft eher das reflektierende Nachdenken über die Oper, das historische Wissen um sie herum, die ästhetischen Positionen, die eigentlich eher eine politische sind. Sie dagegen lassen die Emotionen mit einer erschreckenden Nacktheit und Klarheit ausspielen und zuspitzen – genau deswegen gewinnen Sie eine gesellschaftliche Aussage. Fühlen Sie sich mit einer solchen Beschreibung verstanden?

Von Peter:Ich fühle mich total verstanden. Ich denke, dass die Regietheaterdebatte nach einer Phase des Zeigens und dann einer Phase des Verortens vor einer neuen Frage steht: Wie schafft man es, die Oper jenseits der Dekoration an uns heranzuholen? Wie kommt ein Text wirklich zu mir, eine Musik wirklich nahe?

Sie unterstellen mit Violetta der Frau gewissermaßen eine Bindungsunfähigkeit, die durch ihr Verhalten dafür sorgt, dass aus einer gelebten Liebe nichts wird. Somit wäre es also nicht nur die Gesellschaft, die sie ausschließt. Stimmt das und warum?

Von Peter:Es gibt eine zentrale Stelle ihres Zweifels: als der Vater mephistophelisch insistiert, dass die Zauberzeit einer Liebe irgendwann vorbei ist. Da sagt sie sehr schnell und überraschend: „Das ist wahr!“ und entscheidet sich, lieber für die Idee der Liebe in den Tod zu gehen, als die Liebe zu leben. Das machen auch die Märtyrer. Es geht mir weniger darum, das Stück zu deuten oder umzudeuten, sondern vielmehr darum, an eine zentrale Energie der Oper heranzukommen.

Premiere ist am 24. November um 18 Uhr. Musikalische Leitung: Clemens Heil, Bühnenbild: Katrin Wittig, Kostüme: Regina Arnold, Regie: Benedikt von Peter. Vorstellungen am 29. November sowie am 5., 21., 26. und 31. Dezember.

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