Ein neues Handbuch verspricht Hilfe

Jelinek verstehen

Kreiszeitung Syke
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Syke - Von Johannes BruggaierLetzte Spielzeit: „Aber sicher!“ Kommende Spielzeit: „Tod-Krank.doc“. Übernächste Spielzeit: „Faust 3“. Allein am Theater Bremen ist die Dramatikerin Elfriede Jelinek schwer in Mode.

Wobei der Begriff „Dramatikerin“ gewagt scheint angesichts ihrer ausufernden Textflächen fernab jeder theatralischen Struktur. Jelinek zu inszenieren, das ist alles andere als ein leichtes Unterfangen. Jelinek aber zu rezipieren, scheint geradezu unmöglich. Hilfe bietet nun ein neuer Band, der im J.B.Metzler Verlag erschienen ist. Das „Jelinek Handbuch“ gewährt Einblicke in biografische Fakten wie literarische Verfahren und verspricht somit Orientierung im Textdschungel der österreichischen Autorin.

Als besonders hilfreich erweisen sich dabei Ausführungen zu literarischen Bezugsgrößen, deren Existenz man immer schon geahnt, aber niemals so recht erkannt hat. Dass Werke wie „Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte“ an die Dramatik Henrik Ibsens anschließen, liegt auf der Hand. Dass Jelinek dabei jedoch vielfach auf die Lustspielästhetik eines Johann Nestroy sowie die scharfe Kritik eines Karl Kraus zurückgreift, mutet so überraschend wie einleuchtend an. Auch Parallelen zu Ödön von Horváth zeichnet der Band schlüssig nach. Während jener das Schweigen für den „Kampf zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein“ einsetze, begegne Jelinek diesem Phänomen zwar mit der „Sprechwut“ ihrer Figuren. In ihrem Kern aber seien beide vermeintlich gegensätzlichen Strategien miteinander identisch. Das gelte jedenfalls, insofern vermittelt wird, „dass bei allem Redefluss über gewisse Dinge nicht gesprochen werden kann“.

Ob durch das Aufgreifen klassischer Stoffe oder die Variation antiker Mythen: Jelinek bedient sich munter aus der Schatztruhe der Geistesgeschichte, nicht ohne ebendieses Vorgehen ihrerseits kritisch zu reflektieren. In ihrem Roman „Die Klavierspielerin“ erhält dieses Nachdenken über das „Nachspielen, was andere vor-geschrieben haben“ freilich auch eine feministische Dimension: Schließlich hat sich die „interpretierende“ Protagnoistin dem musikalischen Werk des meist männlichen „Schöpfers“ zu unterwerfen.

Wie ausdifferenziert Jelineks Feminismus und auch ihr politisches Engagement im Allgemeinen ist, zeigt sich im biografischen Teil des Bandes. So werden Beiträge zu patriarchalischen Rollenzuschreibungen von kritischen Betrachtungen der Frauenbewegung begleitet. Deren Selbsterfahrungsgruppen geißelt Jelinek als „kollektive Vaginaschau“, und dem Vorwurf einer allzu distanzierten Haltung gegenüber Frauen begegnet sie mit der Auskunft, sie wolle Frauen ja auch nicht nur als Opfer, sondern gleichermaßen als Komplizinnen des Patriarchats darstellen.

Wenn auch ein sperriger Germanistenduktus die Lust an der Lektüre mitunter eintrübt, so ist das Handbuch doch ein wertvolles Angebot für Jelinek-Interessierte. Das gilt umso mehr, als es auf einer bemerkenswert aktuellen Werkliste basiert. Sogar „Tod-Krank.doc“, das demnächst am Bremer Theater zu erleben sein wird, findet hier Berücksichtigung: Die Premiere im November ist eine Uraufführung.

„Jelinek-Handbuch“, hrsg. v. Pia Janke, J.B. Metzler Verlag: Stuttgart 2013; 432 Seiten, 69,95 Euro.

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