Grandiose 10. Sinfonie von Gustav Mahler in der Fassung von Yoel Gamzou

Jedes Konzert ein Ernstfall

Yoel Gamzou – Glücksfall für Bremen. Foto: Christian Debus
+
Yoel Gamzou – Glücksfall für Bremen.

Bremen - Von Michael Pitz-Grewenig. Yoel Gamzou, Bremer Generalmusikdirektor, kennt die Partitur von Mahlers 10. Symphonie wie wohl kein anderer. In jahrelanger Kleinarbeit hat er die fragmentarische Partitur vollendet und im Jahr 2010 eine komplettierte Fassung vorgelegt, die derzeit wohl die überzeugendste sein dürfte. Ganz offenkundig fasst der früh von Mahler faszinierte Gamzou dieses Werk nicht als strenge Symphonie auf, sondern als ein überbordendes, von unheimlichen Spannungen zerrissenes, aber auch in reichen lyrischen Episoden ausschwingendes Musikdrama.

Hat man diesen Ansatz akzeptiert, erscheint alles im richtigen Licht. Da spielt auch die oft überbetonte Eheproblematik zwischen Mahler, seiner Frau Alma und dem Rivalen Walter Gropius keine große Rolle. Gamzou treibt seine Bremer Philharmoniker am Dienstag im großen Saal der Glocke in Bremen bis an die Grenzen des instrumental Machbaren. Sein Dirigat ist sparsam und körperlich zugleich. Versunken in den Fluss der Musik gelingt es ihm, mit einer sorgsamen Intensität das Orchester zum Glänzen zu bringen. Und so ist es nur logisch, dass seine Interpretation wie aus einem Guss wirkt, spieltechnisch hervorragend, von der Konzeption her überzeugend.

Die „Freiheiten“ gegenüber dem Partiturtext überschreiten ein vernünftiges Maß nicht. Bei diesem Dirigenten, ein Glücksfall für Bremen, ist eben jedes Konzert ein Ernstfall – und das gilt für die 10. Sinfonie Mahlers im Besonderen. So gelingt ihm eine konsequent durchartikulierte Interpretation, in der die Bremer Philharmoniker einen klar konturierten, voluminösen Klang entwickeln, wobei Mahlers Kontrapunktik samt allen Nebenstimmen und Einwürfen vorzüglich durchhörbar ist.

Mahlers janusgesichtige Kunst erklingt, Gott sei Dank, weniger unter dem Aspekt eines Rückblicks auf die Romantik, sondern als Stück der Moderne. Für Mahlers 10. Sinfonie gilt, was Adorno über die 9. Sinfonie schrieb, sie sei das „erste Werk der Neuen Musik“. Die Ländler- und Walzermontage des Scherzo und die sarkastische Rondo-Burleske spielen nicht bloß der Wiener Gesellschaft von 1910 zum nahen Untergang auf, sondern erzählen von der allgemeinen Labilität menschlicher Kollektive, lassen erahnen, wie hinter der Maske des Gemütlichen die Gewalt lauert.

Das berühmte Finaladagio schließlich entbehrt in dieser Interpretation jeder Larmoyanz. Nach rund 80 Minuten gab es in der Glocke konzentriertes wohltuendes Innehalten im Sinne eines „Eingedenkseins“ des Gehörten, bevor frenetischer Beifall erklang.

Dieses Konzert dürfte schon zu den Höhepunkten des diesjährigen Musikfests gehören. Hoffentlich bleibt Yoel Gamzou Bremen noch lange Zeit erhalten.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Prächtige Hortensien? Mit diesen Tricks klappt es bestimmt

Prächtige Hortensien? Mit diesen Tricks klappt es bestimmt

Spanien: Wo Formentera sogar Mallorca schlägt - und wo nicht

Spanien: Wo Formentera sogar Mallorca schlägt - und wo nicht

Brütende Hitze in Deutschland - Zum Wochenstart Abkühlung

Brütende Hitze in Deutschland - Zum Wochenstart Abkühlung

Brandschutzprüfung: Polizei bricht in „Rigaer 94“ Türen auf

Brandschutzprüfung: Polizei bricht in „Rigaer 94“ Türen auf

Meistgelesene Artikel

Netflix: Neue Film- und Serien-Highlights im Juli 2021

Netflix: Neue Film- und Serien-Highlights im Juli 2021

Netflix: Neue Film- und Serien-Highlights im Juli 2021
Neu auf Disney+: Diese Filme und Serien müssen Sie im Juli 2021 sehen

Neu auf Disney+: Diese Filme und Serien müssen Sie im Juli 2021 sehen

Neu auf Disney+: Diese Filme und Serien müssen Sie im Juli 2021 sehen
Streichquartett am Pool

Streichquartett am Pool

Streichquartett am Pool
Cannibal Corpse spielt in Bremen – Lehrerin Christa Jenal hat damit ein Problem

Cannibal Corpse spielt in Bremen – Lehrerin Christa Jenal hat damit ein Problem

Cannibal Corpse spielt in Bremen – Lehrerin Christa Jenal hat damit ein Problem

Kommentare