Jeder will als Erster die rote Flagge hissen: Cornelius Ryan begleitet die letzte Schlacht um Berlin

Das Glück der russischen Trampel

Mediengruppe Kreiszeitung
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Syke - Von Mareike Bannasch. Auf den Tag genau 70 Jahre ist es jetzt her, als in Deutschland die Waffen schwiegen. Am 8. Mai 1945 um 23.01 Uhr trat die bedingungslose Kapitulation der Nationalsozialisten an allen Fronten in Kraft – das Ende einer wahnsinnigen Idee von der arischen Weltherrschaft, die Millionen von Menschen das Leben gekostet hatte. Während die obere Führungsriege der Nazis noch immer auf der Flucht vor den Alliierten durch die Lande irrte, bereits in Kriegsgefangenschaft war oder den denkbar einfachsten Weg, Selbstmord, gewählt hatte, war es nun an der von Gefechten und Vertreibung verunsicherten Bevölkerung, mit ihrer ungewissen Zukunft zurechtzukommen. - Von Mareike Bannasch.

Eine Situation, mit der die Berliner bereits vertraut waren, hatten die Truppen der Hauptstadt, oder vielmehr das was noch von ihnen übrig war, doch bereits am 2. Mai kapituliert – nach wochenlanger Schlacht. Was genau sich zwischen Reichstag und Führerbunker abspielte, hat der amerikanische Journalist und Kriegsberichterstatter Cornelius Ryan bereits im Jahr 1966 zusammengetragen. „Der letzte Kampf“ heißt das Werk, das dieser Tage mit aktualisiertem Vorwort noch einmal im Theiss-Verlag erschienen ist.

Ausgehend von zahlreichen Dokumenten und Interviews, die er sowohl mit Militärs als auch Zivilisten geführt hat, zeichnet Ryan auf knapp 500 Seiten das Ringen um den Hauptpreis des Zweiten Weltkriegs, die deutsche Hauptstadt, nach. Auch wenn seine Quellen durchaus wissenschaftlicher Natur sein mögen, ist „Der letzte Kampf“ eher ein spannend geschriebener Abenteuerroman und mutet dabei fast wie ein besser gemachter Vorläufer jener unsäglichen Sendungen an, mit denen ZDF-Haushistoriker Guido Knopp seit Jahren das Fernsehprogramm überschwemmt.

Wie es sich für solch ein Genre gehört, gibt es auch bei Ryan die strahlenden Helden, mit denen es sich mitzufiebern lohnt. So kommt nicht nur Dwight D. Eisenhower, Oberbefehlshaber der westlichen alliierten Streitkräfte, als durchsetzungsstarker Sympath daher, selbst für Stalin findet Ryan zumindest zu Beginn des Buches lobende Worte. Allerdings dreht sich diese Darstellung schon bald ins Negative, wird aus uneingeschränktem Vertrauen und Respekt eine fast schon paranoid anmutende Skepsis. Eine Haltung, die schließlich im Kalten Krieg münden wird, der auch immer wieder anklingt und die Darstellung der sowjetischen Truppen beeinflusst.

So ist der Angriff der russischen Soldaten auf Berlin von Neid und Missgunst unter den Offizieren geprägt. Hier gönnt keiner dem anderen den Sieg, jeder will als Erster die rote Flagge in der Hauptstadt hissen. Ein Verhalten, das laut Ryan bei den Briten und Amerikanern so nicht zu finden ist, zumindest nicht auf Ebene der einfachen Soldaten. Denn an den Streitereien zwischen London und Washington über die richtige Strategie des Krieges kommt auch er nicht vorbei – selbst wenn es so gar nicht ins Bild passen mag. Allerdings nehmen diese Querelen in den Schilderungen weitaus weniger Platz ein, was angesichts der Tatsache, dass sich die westlichen Alliierten aus dem Wettlauf um die Schaltzentrale der Nationalsozialisten weitestgehend raushielten, nicht wirklich verwerflich ist.

Ganz im Gegensatz zu den Beschreibungen der sowjetischen Truppen, die Ryan im denkbar ungünstigen Licht erscheinen lässt. Klar, dass dabei auch die unzähligen Vergewaltigungen deutscher Frauen durch die Besatzer nicht fehlen dürfen, die der Journalist auf etlichen Seiten in allen Facetten schildert. Sind diese Taten ohne Zweifel grausam und mehr als verwerflich, lässt sich heute sagen, dass es auch unter den westlichen Alliierten Übergriffe auf die weibliche Bevölkerung gegeben hat. Ein Umstand, der 1966 vermutlich noch nicht hinreichend erforscht und zudem auch nicht zum amerikanischen Überlegenheitsgefühl des Kalten Krieges gepasst hätte.

Eine Weltsicht, die Cornelius Ryan ein ums andere Mal arg undifferenziert zuarbeitet. Glaubt man seiner Darstellung, bestehen Stalins Heere nur aus ungehobelten Bauern ohne einheitliche Uniformen, von einer gemeinsamen Sprache nicht mal zu reden. Geschweige denn wissen, was eine Badewanne oder Toilette ist. Russische Trampel, die in Einmachgläser pinkeln, der Erfolg dieser Armee muss wohl ein glücklicher Zufall gewesen sein.

Während Ryan mit Blick auf die Sowjet-Union eine ausgewogene Betrachtung vermissen lässt, bemüht er sich sonst um eine ausgeglichene Haltung. Während er zwischen Schlachtfeldern, Lagebesprechungen und den Berliner Häusern mit Kriegsverlauf zunehmend schneller hin und her springt, beschreibt der amerikanische Journalist nicht nur alliierte Befehlshaber detailgenau und meistens positiv, auch Teile der deutschen Heeresführung kommen verhältnismäßig gut weg.

Besonders Gotthard Heinrici, Kommandeur der Heeresgruppe Weichsel und damit für die Verteidigung der Hauptstadt zuständig, erscheint als einer der wenigen aufrechten Männer im anschaulich geschilderten Untergangschaos. Nur noch mit wenigen Soldaten, Panzern und Gewehren ausgestattet, weigert er sich standhaft, seine Truppen für eine verlorene Sache zu verheizen. Logisch, dass das im Führerbunker nicht besonders gut ankommt und Heinrici unter anderen Umständen sicherlich seinen Kopf gekostet hätte. Allerdings nicht mehr im Frühjahr 1945, wo von Allmachtsfantasien nur noch Trümmer und kopflose Panik übriggeblieben sind.

All das ist lange her und auch Ryan schrieb sein Buch vor fast 50 Jahren. Dennoch ist das Werk des Journalisten ein lesenswertes Stück Zeitgeschichte, das nicht nur das finale Zucken des Dritten Reichs plastisch und nachempfindbar darstellt, sondern noch immer als eindrückliches Mahnmal dient. Damit die Waffen weiter schweigen.

Cornelius Ryan: Der letzte Kampf, Theiss-Verlag, 29,95 Euro.

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