SERIE THEATER GANZ NAH: „Der Rosenkavalier“ vom Stellwerk aus gesehen

Jeder Scheinwerfer ein Universum

Ralf Oepke im Stellwerk. Foto: Frank Schümann

Bremen - Von Frank Schümann. Wer sich in der Pause eines Theaterbesuchs am Goetheplatz im sogenannten Balkonfoyer aufhält, hat sie vielleicht schon mal gesehen – die unscheinbare Tür, die sich zwischen den Treppenauf- und Abgängen verbirgt. Der Raum hinter dieser Tür ist das sogenannte Stellwerk. Hier wird das Licht für den gesamten Bühnenabend geregelt – und das ist mit reichlich Arbeit verbunden.

Warum eigentlich Stellwerk? Früher, erzählt Ralf Oepke, als das Licht noch nicht über Computer und Mischpulte organisiert wurde, war das der Ort, an dem die Aktivitäten der Beleuchter gebündelt wurden. Heute hat sich die Praxis zwar geändert, der Begriff aber hat überlebt – und so ist auch Oepke, der Mann an den Lichtpulten, im hausüblichen Sprachgebrauch einer der drei Stellwerker am Theater.

An diesem Abend wird er lange an den Reglern sitzen, denn im Theater am Goetheplatz wird die Oper „Der Rosenkavalier“ von Richard Strauss gegeben. Die hochgelobte Inszenierung von Frank Hilbrich dauert insgesamt fast vier Stunden, inklusive zweier Pausen – das ist lang, aber auch nichts Ungewöhnliches im Musiktheater. Oepke benötigt entsprechend nicht nur viel Sitzfleisch, sondern auch größtmögliche Konzentration über einen langen Zeitraum – denn die Zeiten, in denen das Licht mit zwei, drei Knopfdrücken zu regeln war, sind längst vorbei.

Dabei setzt der Stellwerker dann das um, was der Lichtdesigner (in diesem Falle Beleuchtungschef Christian Kemmetmüller) gemeinsam mit dem Regieteam erarbeitet hat – die verschiedenen Stimmungen, die aus künstlerischer Sicht relevant sind, um Szenen ins sprichwörtlich beste Licht zu rücken. Eine typische Anweisung ist zum Beispiel: „Leg mir auf die 77 das Preset 30“. Was sich für den Normalsterblichen eher kryptisch anhört, ist für den Stellwerker eine präzise Vorgabe.

Überhaupt muss der mitschreibende Zuhörer, der an diesem Abend dabei sein darf, einige Mal nachfragen – neben Presets ist von Zak-Ständen die Rede, und die Inspizientin des Abends, die mit dem Stellwerker im regelmäßigen Austausch steht, kündigt die Stimmungswechsel jeweils mit „Achtung für Ell-Ex“ plus dazugehöriger Zahl an. Das Kürzel steht übrigens für Lx, die britisch ausgesprochene Abkürzung für Lux. Aha.

Was der Betrachter indes schnell begreift: Hier ist nichts, aber auch gar nichts improvisiert, alles ist möglichst genau voreingestellt und entsprechend geplant – dennoch müssen natürlich gewissermaßen die richtigen Schalter gedrückt werden, und das permanent. Um die Lichtwechsel sekundengenau umsetzen zu können, hat der Stellwerker via Bildschirm auch stets den Dirigenten vor Augen, an diesem Abend Generalmusikdirektor Yoel Gamzou; um dessen Schlagfiguren genau mitverfolgen zu können, wenn das Ende naht – denn mit dem letzten Takt muss auch das Licht ausgehen. „Das sind so die kniffligen Situationen“, sagt Oepke, „das darf halt auf keinen Fall zu früh sein.“ Das Glas ist übrigens schalldicht, sodass man sich in diesem Technikraum gut unterhalten kann; die Musik kommt aus Lautsprechern.

An diesem Abend läuft alles perfekt. Der „Rosenkavalier“ hat etwa 90 Stimmungen – „wir haben Produktionen mit wesentlich mehr“, erläutert Oepke. Unter Beleuchtungsaspekten sei dieser Abend nicht ganz so schwierig, höllisch aufpassen muss der Lichtmann natürlich dennoch. Denn die besondere, durch vier zum Teil ineinander verschachtelte Wagen wie ein Labyrinth wirkende Bühne, wird in immer andere Farben getaucht. Dadurch erhalten die Szenen ihre Stimmungen – etwa wenn Patrick Zielke als Baron Ochs ins grellgelbe Gegenlicht krabbelt. „Hier haben wir versucht, sehr kontrastig zu bleiben“, erklärt Oepke, und findet: „Kommt gut rüber!“

Jeder Scheinwerfer sei wie ein eigenes Universum, sagt Oepke: „Es gibt unendliche Möglichkeiten“. Dabei habe sich die Technik immens schnell weiterentwickelt. Früher sei es oft um die Frage gegangen, „was wir noch können“, so Oepke, „heute viel mehr darum, was wir noch wollen – denn können tun wir alles.“ Sehr wichtig ist dabei eine hohe Technik-Affinität – natürlich auch bei Oepke. Der 56-jährige war ursprünglich Elektriker, „was mir heute sehr hilft“. Man müsse sich permanent mit der Technik befassen, sagt er, „sonst steht Du auf dem Schlauch – Du brauchst einfach ein großes Basiswissen.“

Er ist natürlich auch nicht der einzige Licht-Mensch, der an diesem Abend im Einsatz ist: Eine Kollegin ist unten an der Bühne, um gegebenenfalls eingreifen zu können, falls etwas schief läuft, und die Verfolger werden ebenfalls von anderen Kollegen bedient. Bei Oepke läuft indes alles zusammen, er sitzt quasi in der Schaltzentrale und ist verantwortlich. Ist er eigentlich noch nervös vor einem solchen Abend? „Nein“, sagt er, „bei normalen Vorstellungen nicht, nur bei den Premieren.“ Es sei ja an normalen Abenden alles vorbereitet – jeden Morgen richtet der Frühdienst ein, der Spätdienst hat dann ab 15 Uhr auch noch Zeit, um alles zu checken. Und seine größte Angst? „Dass die Lichter über dem Orchestergraben ausgehen – und die Musiker im Dunkeln stehen.“

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