Klassik, Volks- und Gegenwartsmusik zugleich: Die „Musicbanda Franui“ bei Kunstfestspielen Herrenhausen in Hannover

Mit jeder Note was zu melden

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Langsam, fürwitzig und tripelbödig: die „Musicbanda Franui“. ·

Hannover - Von Jörg WoratAndreas Schett sitzt in einem Raum des Herrenhäuser Galerie-Gebäudes und gibt ein rhythmisches Geleier von sich. Irgendwann unterbricht er die monotone Darbietung: „So kann man doch keinen Trauermarsch spielen“, ereifert er sich, „da muss man doch Spannung reinbringen. Diese spezielle Mischung aus Ziehen und Schieben.“

Natürlich wird auch das umgehend demonstriert, und überhaupt mangelt es in diesem Gespräch nicht an mehr oder minder ausführlichen Gesangseinlagen – bei der „Musicbanda Franui“, deren musikalischer Leiter Schett ist, muss man eben stets mit ungewöhnlichen Ereignissen rechnen. Ob nun auf oder neben der Bühne.

Davon haben sich die Besucher der „Kunstfestspiele Herrenhausen“ schon im letzten Jahr überzeugen können, als Franui ihre Interpretation der „Mahlerlieder“ zum Besten gaben und dabei diese ureigene Mischung aus Klassik, Volks- und Gegenwartsmusik präsentierten, die nicht zuletzt durch die Besetzung zustande kommt: In diesem Ensemble gesellen sich zu Instrumenten wie Violine, Klarinette, Trompete und Tuba auch Exoten wie das Hackbrett oder die Zither. Am 10. Juni ist nun die Uraufführung des neuen Programms zu erleben. Es heißt „Schau lange in den dunklen Himmel“, trägt das Label „Musiktheater“ und bindet den Schauspieler Daniel Christensen sowie den Bariton Otto Katzameier ein. Inhaltlich geht’s um die Werke zweier Roberts, nämlich Schumann-Musik und Walser-Verse. Inszenieren wird Corinna von Rad: „Intendantin Elisabeth Schweeger hat uns zusammengebracht“, sagt Schett. „Eine interessante Mischung, die norddeutsche Regisseurin und die Musiker aus dem hochalpinen Osttirol. Funktioniert aber gut.“

Die Geschichte von Franui beginnt im 1000-Seelen-Dorf Innervillgraten, aus dem die meisten der zehn Musiker stammen, und sie beginnt mit einer persönlichen Pubertätskatastrophe von Andreas Schett, dessen Hauptinstrument die Trompete ist: „Ich hatte damals einen großen Auftritt mit Soloeinlagen, aber war so nervös, dass ich keinen Ton herausgebracht habe. Erst mit der Gründung von Franui, als ich selbst die Musik gestalten konnte, hat sich das verloren. Heute macht es mir nichts aus, vor 1000 Menschen im Wiener Burgtheater zu spielen.“

Das heißt noch lange nicht, dass Franui – das ist übrigens der Name einer Almwiese – gleich zu Beginn große Erfolge eingefahren hätten, im Gegenteil: „Nach unserem ersten Auftritt hätten sie uns beinahe verprügelt“, berichtet Schett. Gar zu ungewohnt waren diese neuartigen Töne bei der Live-Begleitung eines Stummfilms von Andreas Hofer im Umfeld eines Bezirksschützenfestes: „So ein Fest wird in der Gegend sehr ernst genehmen, die erscheinen da in voller Montur. Unser Spiel hat wohl sehr irritierend gewirkt.“ Den speziellen Umgang mit der örtlichen Musiktradition setzte die Gruppe dann fünf Jahre lang bei selbst initiierten Festival „Kulturwiese“ fort, ohne aber bei dieser Überzeugungsarbeit nur Freunde zu gewinnen: „Eines Tages war das Haus, das wir gekauft hatten, um es als Veranstaltungszentrum auszubauen, abgefackelt. Brandstiftung.“

Inzwischen sind Franui in Salzburg, Berlin oder Lyon aufgetreten, haben Programme zu Schubert oder Brahms erarbeitet, mehrere Kooperationen angeschoben, CDs herausgebracht und sich mit alledem ein internationales Publikum erobert. Gleichwohl hat die Gruppe, die nun seit 19 Jahren in fast unveränderter Besetzung zusammenspielt, ihre Wurzeln nie vergessen: Nach wie vor bekommt das Publikum bei den Auftritten gern umfassende Ansagen über die Unterschiede zwischen Innervillgraten und Außervillgraten oder andere höchst spezialisierte Folklore zu hören. Wie kann man diese Osttiroler Mentalität denn eigentlich am besten beschreiben? „Langsam“, antwortet Schett. „Fürwitzig. Und doppel-, nein, eher tripelbödig.“

Da gibt es natürlich Parallelen zu den ebenfalls gern mäandernden Robert-Walser-Texten in der neuen Herrenhäuser Produktion. Die können durchaus eine gewisse Penetranz entwickeln, doch werden die Beteiligten schon das rechte Gegenmittel dazu finden. Franuis Umgang mit dem Schumann-Material erfolgt jedenfalls nach bewährtem Rezept: „Wir schauen uns zuerst die Musik in all ihren Facetten an“, beschreibt es Schett. „Zum Teil belassen wir sie in ihrer ganz eigenen Schönheit, übermalen dann hier mit großen Strichen und reduzieren dort wieder aufs Wesentliche.“ Mit „wir“ ist neben Schett Kontrabassist Markus Kraler gemeint – dieses Duo ist bei Franui für die Musikbearbeitung zuständig. „Ein gutes Prinzip“, meint Schett, „weil man sich nie zurückziehen kann. Zu zweit braucht man eben eine andere Disziplin.“ Gibt es bei der Zusammenarbeit benennbare Zuständigkeiten? „Ich habe vielleicht etwas mehr den Blick auf den gesamten Garten im Sinn“, sagt Schett, „und Markus betrachtet dann sehr genau die einzelnen Blumenbeete. Oft ist es aber auch gerade umgekehrt.“

Naheliegend ist die Frage, was für ein Publikum zu den Franui-Konzerten kommt. „Sehr unterschiedlich“, findet Schett. „Zum einen Fachleute, die etwa jede kleine Nuance eines Schubert-Lieds kennen und sich freuen, weil sie wissen, was wir damit gemacht haben. Zum anderen Menschen, die noch nie einen Ton von Schubert gehört haben, die aber durch unsere Bearbeitung sofort einen Zugang finden. Das ist überhaupt das Wichtigste: Die Musik muss ansprechen, sie muss unmittelbar etwas auslösen.“ Und um das zu erfüllen, wäre für Franui die stumpfe Routine absolut tödlich: „Wenn du nicht mit jeder Note was zu melden hast“, sagt Andreas Schett, „kannst die Sache vergessen.“

„Musicbanda Franui“ ist am 10. Juni um 18 Uhr bei den Kunstfestspielen Herrenhausen (Galerie) zu erleben.

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