Lagwagon im Bremer Schlachthof

Jeder Generation ihre Klassiker

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Lagwagon mit Joe Raposo (2.v.r.).

Bremen - Von Rolf Stein. In diesem Sommer ist es ziemlich genau 30 Jahre her, dass Joe Raposo das erste Mal auf einer Bremer Bühne stand. Die Bühne gibt es nicht mehr, das Wehrschloss ist heute ein Wirtshaus, aber Joe Raposo ist immer noch dabei.

Damals müsste er so 17 Jahre alt gewesen sein, und seine Mutter musste ihm bescheinigen, dass er mit der Band Rich Kids On LSD auf Europa-Tournee gehen durfte. Der Brief übrigens, mit dem sie dies tat, ist dokumentiert auf der Hülle eines Live-Albums von besagter Tournee.

Heute sind seine Mitstreiter von damals zum größten Teil tot, verglüht im Laufe eines Lebens, dass annähernd so rasant war wie die Musik der Rich Kids On LSD, die mit illegalen Substanzen nicht nur im Bandnamen flirteten. Weil ihre Musik aber nicht einfach nur rasend schnell war, sondern auch noch sehr kompliziert, brauchte es eben ein Wunderkind wie Raposo.

Nun also, 30 Jahre später, ist Raposo also wieder, besser: immer noch da. Seit acht Jahren spielt er Bass bei der kalifornischen Hardcore-Punk-Band Lagwagon, die am Mittwochabend im Kulturzentrum Schlachthof auftrat. Thema des Abends: das Album „Let’s Talk About Feelings“, aufgenommen 1998, die letzte Platte, bevor sich die Band zum ersten Mal auflöste. Mit rund 25 Minuten Spieldauer ist es formal ein klassisches Hardcore-Album, wobei das, was man im Genre als Klassik bezeichnen würde, spätestens zehn Jahre zuvor abgeschlossen ist. Aber wie das eben so ist: Jede Generation schafft sich ihre neue Klassik.

Dass Lagwagon, 1990 gegründet und Schüler von Bands wie den Descendents, Bad Religion und NOFX, heute beinahe schon Elder Statesmen des Genres sind, lässt sich auch daran ablesen, dass knapp 800 Zuschauer in den Schlachthof gekommen sind. Darunter durchaus auch solche, die schon dabei waren, als Raposo mit den Rich Kids On LSD durch die Jugendfreizeitheime des Landes zogen.

Die Musik von Lagwagon, die in Duktus und Gestus einer gewissen Jugendlichkeit verpflichtet ist, das Skateboard stets unterm metaphorischen Arm trägt, könnte da natürlich ein bisschen anachronistisch daherkommen. Immerhin ist Sänger und Songwriter Joey Cape heuer auch schon fast 52 Jahre alt.

Allerdings scheint diese Musik dann doch für eine gute Stunde wie ein Jungbrunnen zu funktionieren: Immer wieder erklimmen Fans die Bühne, um mit Schwung ins Publikum zu springen, dass bereitwillig die Arme ausstreckt. Stagediven, Crowdsurfen – das sind die sozusagen klassische Tänze Szene. Und Lagwagon spielen die Musik dazu. Die eigentlich kein Bass-Genie wie Raposo benötigt. Den man (deswegen?) auch kaum heraushört. Aber das scheint ihm nichts weiter auszumachen. Seine musikalischen Vorlieben dürfte er eher anderswo ausleben. Hier geht es nicht um einen ästhetischen Aufstand, sondern um die sprichwörtliche gute Zeit. Existenziell wirkt das heute nicht mehr.

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