Jeanno Gaussi blickt im Syker Vorwerk mit europäischen Augen auf Afghanistan

Im blühenden Kriegszustand

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Einmal Superheld sein: Ein Kabuler Zoobesucher wirft sich vor seiner Wunschkulisse in Pose.

Syke - Von Johannes Bruggaier. Und wenn der letzte Schuss gefallen, der letzte Schurke verhaftet, der letzte Taliban vertrieben ist, dann, ja dann werde sich das Volk in einer „blühenden Demokratie“ wiederfinden und ein Leben in Frieden und Freiheit führen. So hatte es US-Präsidenten George W. Bush versprochen, wenige Tage nachdem er den Angriff auf Afghanistan befohlen hatte. Vom letzten Schuss aber träumen sie am Hindukusch noch heute. Und die „blühende Demokratie“ ist so weit entfernt wie eh und je. Was sind die Ursachen?

Die einen sehen sie in einem schlechthin antidemokratisch strukturierten Clanwesen, in dem die Stammeszughörigkeit mehr gilt als das Argument. Andere glauben, dass der Islam mit einer Demokratie mitteleuropäischer Prägung grundsätzlich nicht vereinbar sei. Und dritte sehen dunkle Kräfte des Westens am Werk, dem der Erhalt des Status Quo in Wahrheit ganz gelegen komme.

Im Syker Vorwerk sind nun Werke der in Kabul geborenen und im Alter von fünf Jahren nach Deutschland geflohenen Künstlerin Jeanno Gaussi zu sehen. Ihre Herkunft allein garantiert noch keine tieferen Kenntnisse der Situation am Hindukusch – es ist nur wenige Jahre her, dass sie ihre verlassene Heimat erstmals wieder besuchte. Gerade ihr am europäischen Alltag geschulter Blick hat ihr dabei aber manches Mysterium des heutigen Afghanistan erhellt.

Da war zum Beispiel der Besuch im Zoo. Ein Fotograf mit Laptop, der das Publikum mit lustigen Fotoshootings unterhält: Wer sich ablichten lässt, darf sich anschließend die passende Kulisse dazu aussuchen – das Bildbearbeitungsprogramm im Laptop macht‘s möglich. Man würde nun also lachende Kinder am Nordpol erwarten, Faxen machende Familienväter auf dem Mond oder herumalbernde Teenager in der Wüste. Doch nichts davon.

Stattdessen: Ernst dreinblickende Männer vor Militärhubschraubern, das Maschinengewehr im Anschlag, den Feind fest im Blick. Der Krieg, so scheint es, ist nicht nur Normalität geworden nach all den Jahrzehnten der Gewalt. Er hat sich längst zu einem Identifikations- und Sehnsuchtsort entwickelt, Kämpfen und Töten als höchstes Glück.

Gaussi zeigt die Dokumente des Zoo-Fotografen in gänzlich unbearbeiteter Form, was für ihre Vorgehensweise insofern typisch ist, als sie vielfach mit Fundstücken arbeitet. So hat sie für die documenta 13, zu deren auswärtigen Ausstellungsorten auch Kabul zählte, beliebte Aufnäher des afghanischen Schwarzmarktes erworben. Zu sehen sind sie nun auf traditionellen Gewändern, von Gaussi eigens aus Uniformstoff zusammengenäht. Man liest auf militärischen Tarnfarben „ISAF“, woanders „Police“. Sind das nicht geschützte Hoheitszeichen? In der Tat: Als die Gewänder in Kabul das erste Mal zu sehen waren, hat die Regierung sogleich den Handel mit den Aufnähern unterbunden.

Vollends preisgegeben wird die ästhetische Gestaltungshoheit in der Serie „Family Stories“, auch dies ein Projekt für die documenta 13. In ihren Familienalben gefundene Fotos hat Gaussi einem afghanischen Maler überlassen. Der Auftrag: Er möge nach den Schwarzweiß-Aufnahmen ihrer weitgehend unbekannten Verwandtschaft farbige Ölgemälde anfertigen. Vielleicht lasse sich durch diese spezifisch afghanische Interpretation des Fotomaterials mehr über die Identität und Mentalität der Abgebildeten erfahren.

Das Ergebnis ist jedoch wegen der beschränkten kunsthandwerklichen Fähigkeiten des Malers durchwachsen: Ob aus den leicht entrückten Mienen insbesondere männlicher Familienmitglieder ein typisch afghanisches Geschlechterbild spricht oder bloß das eingeschränkte Talent eines Auftragsmalers, ist für das europäische Auge nicht zu erkennen.

Auch plakative Didaktik lugt bei Gaussi hin und wieder um die Ecke. Ein Umhang im Stil des ehemaligen Staatschefs Hamid Karsai weist im Innenfutter Motive von Bomben, Panzern und Handgranaten auf. Außen Diplomat, innen Kriegstreiber: Das wirkt in seiner Direktheit dann doch arg schlicht.

Vielleicht entspricht aber genau das der Wirklichkeit dieser Gesellschaft, eines Lebens zwischen den plakativen Behauptungen der Gegenwart einerseits und einer facettenreichen, widersprüchlichen Vergangenheit andererseits. In den besten Momenten bringt Gaussi diese beiden Elemente zusammen, etwa dann, wenn ein weiterer von ihr beauftragter Maler aus Kabul unverhofft ein Porträt der Jungfrau Maria mit dem Christuskind anfertigt. Im heutigen Afghanistan kommt dies einem todesmutigen Akt gleich. Und doch ist es zugleich ein eindrucksvoller Verweis auf ein Islamverständnis, das in diesem Land einmal von Toleranz und interreligiöser Bildung geprägt war: zu einer Zeit, als zwar von Demokratie ebenso wenig die Rede sein konnte – der Krieg aber zumindest noch als Schreckensvision galt statt als Glücksverheißung.

Bis 3. Januar im Syker Vorwerk, Am Amtmannsteich 3, Syke. Öffnungszeiten: Mi. 15-19 Uhr, Sa. 14-18 Uhr, So. 11-18 Uhr.

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