Was den Jazz zusammenhält

Paul van Kemenade mit illustrer Begleitung im Bremer Sendesaal

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Inspiriertes Zusammenspiel: Ernst Glerum (v.l.), Ray Anderson, Han Bennink und Paul van Kemenade.

Bremen - Von Rolf Stein. Hoher Besuch hatte sich für den vergangenen Donnerstag im Bremer Sendesaal angekündigt: Der niederländische Saxofonist Paul van Kemenade, der im vergangenen Jahr 60 Jahre alt wurde, tourt derzeit durch die Jazz-Welt, um seine 40-jährige Musikertätigkeit zu feiern.

Seine Mitmusiker sind zumindest teilweise schon deutlich länger im Geschäft, allen voran natürlich Schlagzeuger Han Bennink, der im vergangenen April 75 Jahre alt wurde und seit Mitte der 60er-Jahre aktiv ist. Er gilt als einer der wichtigsten Musiker der europäischen Free-Jazz-Szene, spielte mit Legenden wie Sonny Rollins und Eric Dolphy, war schon vor einem halben Jahrhundert im Sendesaal zu Gast und lässt sich bis heute nicht auf irgendeine Form der reinen Lehre festnageln.

Viele alte Bekannte

In den vergangenen Jahren arbeitete er unter anderem immer wieder mit der niederländischen Experimental-Punk-Band The Ex und einzelnen ihrer Mitglieder zusammen.

Der Posaunist Ray Anderson begann seine Karriere Mitte der 70er-Jahre bei Anthony Braxton, gründete später die Slickaphonics, spielte nicht nur mit den Großen des Jazz, sondern auch mit Dr. John und war in den 80er- und 90er-Jahren in der Kritikerumfrage des Jazz-Magazins „DownBeat“ auf den Titel des besten Posaunisten abonniert. Auch er übrigens ein alter Bekannter im Sendesaal – vor 25 Jahren trat er zum ersten Mal dort auf, berichtet Peter Schulze in seiner Anmoderation.

Ruhepol zwischen unterschiedlichen Temperamenten

Ernst Glerum, der am Bass das Quartett komplettiert, kennt seine Mitmusiker seit Langem aus verschiedenen Kontexten. Und ist vielleicht deshalb besonders geeignet, den unterschiedlichen Temperamenten einen Ruhepol zu bieten, auf den sie sich zwischen geradezu kammermusikalischen Momenten und Ausflügen in freiere Gefilde immer wieder beziehen können. Bennink gibt sich in diesem Zusammenhang vordergründig konventionell, setzt aber immer wieder lustvoll Widerhaken.

In gut zwei Stunden inklusive Pause und einer kurzen Zugabe führt das Quartett in Vollendung vor, was ältere Formen des Jazz wie Blues und Swing mit späteren Spielweisen wie Bebop und seinen freieren Ausprägungen im Kern zusammenhält: der spontane Austausch über ein Thema, Interaktion, ein Ansatz, der das Individuelle in kollektiven Zusammenhängen ermöglicht.

Han Bennink sorgt für Lacher

Beinahe gelassen schlagen van Kemenade, Anderson, Glerum und Bennink einen langen Bogen von gediegen swingenden Nummern hin zu drängenderen Passagen wie einer Hommage an den Free-Jazz-Drummer Charles Moffett und experimentelleren Stücken wie Andersons „Alligatory Merengue“, das unter anderem Verfahren der aleatorischen, also zufallsbasierten Komposition verwendet.

Durchzogen ist der Abend von einem humorvollen Ton, der sich wohl nicht zuletzt Han Bennink verdankt. Der sorgt mit Zwischenrufen und Clown-Einlagen immer wieder für Lacher. Und seine Mitmusiker lassen sich nur allzu gerne davon inspirieren.

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