Vor 200 Jahren erlebte Napoleon sein Waterloo – trotz zahlreicher Fehler seiner Gegner

Stümper in der Schlacht

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Mediengruppe Kreiszeitung

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Seit dem traurigen Sieg des Königs Pyrrhus über die römischen Truppen dürfte es kaum ein militärisches Ereignis gegeben haben, das annähernd nachhaltig Eingang in unsere Sprache zu finden vermochte: An die Schlacht bei Waterloo erinnern in schöner Regelmäßigkeit Fußballreporter und Politiker, Lehrkräfte und Sitzenbleiber. In diesen Tagen jährt sich das Ereignis zum 200. Mal. Der Militärhistoriker Klaus-Jürgen Bremm hat zu diesem Anlass noch einmal die Akten gewälzt („Die Schlacht“, Theiss). Herausgekommen ist dabei eine detaillierte Beschreibung des Schlachtablaufs mit mancher recht überraschenden Erkenntnis. Der High-Noon der großen Strategen Europas war in Wahrheit ein „Patt der Fehler und Versäumnisse“. - Von Johannes Bruggaier.

Feldmarschall Wellington, schreibt Bremm, habe den kompletten ersten Tag des Feldzugs regelrecht verschlafen. Als er merkte, dass der Zug bereits ohne ihn abgefahren war, habe er versucht, sein Versagen mit einer Falschmeldung an die Preußen zu kaschieren. Denen allerdings erging es phasenweise mir ihrem Führungspersonal nicht viel besser: General Blücher, der seit der Völkerschlacht bei Leipzig längst Legendenstatus besaß, stellte sich bei Ligny der französischen Hauptarmee, obwohl ihm ein ganzes Korps fehlte. Kaum vorstellbar, wie den stümperhaft agierenden Verbündeten unter diesen Vorzeichen ein so glanzvoller Sieg gegen das strategische Genie Napoleon Bonaparte gelungen sein soll. Doch der Kaiser war seinerseits nicht auf der Höhe seines Schaffens. Vor allem in der Kommunikation haperte es bei den Franzosen: Wellingtons bei Quatre Bras von den Preußen abgeschnittene Streitmacht zu zerstören, hätte nur geringer Mühe bedurft, vor allem aber der Information über die wahren Kräfteverhältnisse auf der gegnerischen Seite. Dass die einzelnen Heeresteile viel zu selten über die tatsächliche Lage der Dinge im Bilde waren, sollte Napoleon beim Schreiben seiner Memoiren auf seinem Verbannungsort, der Pazifikinsel St. Helena, später ausführlich beklagen. So waren es bei dieser ausgeglichenen Verteilung von taktischen Fehlern auf der Führungsebene vor allem die einfachen Soldaten, die mit profanen Marschleistungen über den Ausgang der Schlacht entschieden – und ungehorsame Generäle, die sich über die Befehle Blüchers und Wellingtons immer mutig hinwegsetzten.

Der in seiner Heimat zum Helden stilisierte Wellington war sich seines Glücks offenkundig sehr wohl bewusst. Die Sache sei knapper gewesen, als die meisten denken, erklärte der siegreiche Feldmarschall immer wieder. Für Triumphgeheul über die Franzosen gebe es wahrhaftig keinen Grund.

Vielleicht besteht in dieser Bescheidenheit des Generals größte Leistung. Mit seinem Waterloo-Bulletin, das den Gegnern außergewöhnliche Tapferkeit bescheinigte und sogar die zeitweise Unterlegenheit der eigenen Truppen einräumte, ermöglichte er den Franzosen die Akzeptanz ihrer Niederlage. In der Darlegung dieser psychologisch wie politisch so bedeutsamen Nachkriegsereignisse liegt die Stärke von Bremms Analyse – sie lässt manche arg ausschweifende Beschreibung der Schlachtereignisse vergessen.

Dass sich mit Napoleons Desaster bei Waterloo Europa endlich vom Mittel des Krieges zur Lösung politischer Konflikte verabschieden würde, wie mancher Beobachter noch Mitte des 19. Jahrhunderts glaubte, sollte sich zwar als trügerische Hoffnung erweisen. England und Frankreich aber, diese Erbfeinde seit der Zeit des Hundertjährigen Krieges, haben seither nie wieder einander bekämpft.

Klaus-Jürgen Bremm: „Die Schlacht – Waterloo 1815“, Theiss Verlag: Darmstadt 2015; 256 Seiten; 24,95 Euro.

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