Ein neuer Band zeichnet die römische Kunst von der Mittleren Republik bis zur Zeit von Kaiser Augustus nach

Die Jahre nach der großen Plünderung

Kreiszeitung Syke
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Syke - Von Johannes Bruggaier. Über den Unterschied zwischen griechischer und römischer Kunst haben sich Generationen von Gelehrten die Köpfe heiß geredet.

Johann Joachim Winckelmann etwa sah ihn einst in der „edlen Einfalt und stillen Größe“ der hellenischen Ästhetik, welche die römischen Eroberer niemals zu erreichen vermocht hätten. Giovanni Battista Piranesi hielt dagegen: Was der Kollege zu „stiller Größe“ stilisierte, galt ihm bloß als Vorstufe einer Perfektion, die erst die Römern ausgebildet haben.

Welcher Kultur man den Vorzug geben mag, das ist bis heute eine Geschmacksfrage geblieben. Ganz unzweifelhaft aber ist: Man kann die Kunst der griechischen Antike ohne ihre römische Rezeption verstehen – nicht aber die römische Kunst ohne deren griechisches Fundament. So ist es kaum verwunderlich, wenn Gilles Sauron, Althistoriker an der Universität Sorbonne in Paris, in seinen Betrachtungen der römischen Kunst („Römische Kunst – von der mittleren Republik bis Augustus“, Philipp von Zabern Verlag) umfangreich über griechische Geschichte, Mythologie und Ästhetik berichtet.

Das gilt natürlich insbesondere für jenen Teil, der sich mit den Folgen der Eroberung des griechischen Festlands durch das römische Reich im zweiten Jahrhundert vor Christus befasst. Sauron beschreibt eine Zeit, in der nicht die kleinste Skulptur, die unscheinbarste Vase vor einem Transport gen Westen sicher war – solange man sie nicht an den ihr vorgesehenen Platz regelrecht festgenagelt hatte. Es gehört zu den ironischen Konsequenzen dieses wohl beispiellosen Falls von Beutekunst, dass eines der berühmtesten Beispiele römischer Kunst ausgerechnet das Idol einer von Rom besiegten Macht verherrlicht: Alexander der Große, als tatkräftiger Krieger mitten in der Schlacht, porträtiert auf einem mehr als eine Million Steinchen zählenden Mosaik. 1831 hatte man es im Zuge der Ausgrabungen von Pompeji entdeckt, ein Prunkstück im „Haus des Faun“. Doch wie es dorthin gekommen war, ist bis heute ebenso ungeklärt wie die Frage, warum es ausgerechnet einem Römer zur Mehrung seines Ruhms dienen sollte.

So unterschiedlich die von Sauron skizzierten Varianten sind, so basieren sie doch auf einer gemeinsamen Grundannahme: dass dieses Musterbeispiel römischer Mosaikkunst woanders entstanden sein muss als in Pompeji. Besonders eindrucksvoll wird diese These von einer mit bloßem Auge erkennbaren Mängelregion gestützt. Die seltsam undifferenzierte Gesichtsform eines Soldaten, ein Bein ohne Besitzer, ein verunglückt anmutender Pferderücken: Derlei offenkundige Schwächen lassen auf Reparaturarbeiten schließen, die infolge eines aufwändigen Transports notwendig gewesen sein könnten. Als Raubkunst (etwa aus dem Dekor eines Königspalastes im griechischen Osten) würde es denn auch seine Funktion für die Oberschicht von Pompeji erklären. Es wäre Zeugnis des römischen Triumphs über das größte Reich, „das je ein einzelner Herrscher binnen weniger Jahre erobert hatte“.

Nicht immer gelingt Sauron eine derart anschauliche Analyse von Stil und Form römischer Kunst. Über weite Strecken dominiert ein akademischer Duktus, die kulturhistorische Substanz wird zu oft von ihrer Rezeptionsgeschichte überlagert. Das mag für eine wissenschaftliche Lektüre angemessen sein. Dem weniger ambitionierten Leser dagegen wäre mit weniger Quellenverweisen und mehr Argumenten besser gedient. Beispielhaft sei an dieser Stelle die Büste „Postumius Albinus“ genannt, das Porträt eines eigentümlich verkniffen dreinschauenden Mannes. Zu erfahren ist, wer das Bildnis aufs zweite Jahrhundert vor Christus zu datieren vermochte, wem es gelang, in ihm Cato den Älteren zu erkennen und zu allem Überfluss, welcher weitere Forscher diese These anschließend bestätigten. Allein auf eine Erklärung für diese Schlussfolgerung wartet der Leser vergebens.

So überzeugt diese Abhandlung – neben der Betrachtung jenes legendären Alexandermosaiks – noch am ehesten mit ihren vergleichsweise praxisnahen Beschreibungen pseudowissenschaftlicher Einflüsse sowie Kohärenzen zwischen Ästhetik und Revolution in der Spätzeit der römischen Republik. Für die stilistischen Mängel sowie einige Nachlässigkeiten im Lektorat entschädigen zahlreiche Abbildungen in hervorragendem Druck. Das schließlich ist immer noch der lohnendste Umgang mit römischer Kunst: Sie einfach nur anzuschauen.

Gilles Sauron: „Römische Kunst – Von der Mittleren Republik bis Augustus“, Philipp von Zabern Verlag: Darmstadt 2013; 300 Seiten mit Abbildungen; 79 Euro.

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