Durchblick statt Einblick: Meisterschüler der Bremer Hochschule für Künste feiern in der Städtischen Galerie die Leere

Istanbul liegt nicht am Bodensee

Bo Su: „Schwimmen! Schwimmen! Schwimmen!“ (2010)

Von Johannes BruggaierBREMEN (Eig. Ber.) · Kleiner Tipp für den Fall, dass Ihnen einmal ein leerer Bilderrahmen begegnet: Fragen Sie den anwesenden Künstler, Kurator oder Galeristen nach dem Nichts. Danach, was bei diesem Werk wichtiger ist – das Sichtbare oder das Fehlende. „Genau darum geht es“, werden Sie hören und sich anschließend über Ihre kluge Frage freuen dürfen. Funktioniert immer.

Die Gelegenheit dazu bietet sich nahezu jederzeit und überall. „Leere Bilderrahmen“, erkannte unlängst die FAZ, seien nämlich in der gegenwärtigen Konzeptkunst „relativ häufig“ anzutreffen. „Relativ“ ist gut: Kaum eine Schau ohne leere Rahmen, je jünger die Künstler, desto größer die Aussparungen.

In der Städtischen Galerie Bremen gewähren von Sonntag an sieben Meisterschüler der Hochschule für Künste Einblicke in ihre Arbeit. Wobei es sich genau genommen um Durchblicke handelt. Eunyeon Yang etwa macht mit einem leeren Metallrahmen auf den dahinter befindlichen Heizkörper aufmerksam. Dieser wird wohl schon immer in der Ecke des Ausstellungsraumes gestanden haben, allein: Erst der Rahmen setzt ihn als Exponat in Szene, ein wenig vergossene Farbe tut ein Übriges. So sieht eben die „Kehrseite der Dinge“ aus, wie die Künstlerin im Titel ihrer raumgreifenden Installation verrät. Weitere solcher Kehrseiten finden sich hinter alten Fensterrahmen, Türen oder Jalousien. Yang spricht von der Subjektivität der Wahrnehmung, von Objekten, die in einen Dialog über ihre eigene Räumlichkeit treten; davon, dass es ihr aber eigentlich gar nicht um diese Objekte gehe. Um was denn dann? Na, was wohl: um die „Leerheit“ natürlich, das Nichts.

Gregor Gaidas leerer Holzrahmen weist stellenweise barocke Schnitzereien und aus Polyesterharz geformte Motive auf. Schnörkel hier, Voluten da, an den Ecken links oben und rechts unten sind zwei Figuren drauf und dran, jeweils einen Stein in den Ausstellungsraum zu werfen. Die barocke Zierde lässt es erahnen, auch hier geht es natürlich um viel mehr als bloße Dekoration. Testfrage: Was ist wichtiger, der Rahmen oder das, was er nicht zeigt? „Genau darum geht es“, bestätigt der Künstler eifrig.

Gleich 42 gebrauchte Keilrahmen unterschiedlicher Größen hat Nicolai Schorr aufgestellt (Nummerierung erspart das Nachzählen). Daraus entsteht ein sich nach hinten verjüngendes Tunnelgebilde, in dessen Mitte es behaglich leuchtet. Eine Energiesparbirne erhellt einsam das Wesentliche dieses Werks: die Leere.

Auf das Unsichtbare kommt es an, das Nichts ist nicht nichts, sondern mehr als das Etwas, ja sogar das alles Entscheidende: Man möchte es laut ausrufen, dass diese Botschaft mittlerweile angekommen ist, dass die einst so originäre wie originelle Idee des leeren Rahmens so langsam in die Jahre kommt und dass auch in der Konzeptkunst ästhetische Variationen jenseits der mit Luft gefüllten Rechtecke möglich sind.

Es gibt sie ja auch, die unverbrauchten Handschriften. Die plastischen Miniaturen (mit Acryl bemalter Ton) des Bo Su offenbaren jene subtile Ironie, die all die theoriegetränkten Installationen vermissen lassen. Bo Su lässt den Betrachter an den Abenteuern eines daumengroßen Männchens teilhaben, das – stets in ein blau-weiß gestreiftes T-Shirt gekleidet – Wohl und Wehe unseres Alltags erlebt. Des Nachts wandelt es fröhlich an tiefschwarzen Bremer Häusern vorbei, in der Hand eine Colaflasche, Ziel unbekannt. Später sehen wir es schlafend in seiner Studentenbude, die Bettdecke blau-weiß gestreift, an der Tür ein blau-weißer Morgenmantel. Dann wieder kämpft es ums schiere Überleben, krault sich durch die Wassermassen einer rundum gefluteten Weltkugel. Unterhalb des Halses schimmert eine blau-weiße Textilie hervor. „Meine Zukunft ist kein Traum“ lautet der Titel eines anderen Exponats. Weiße Wolken sind da luftig leicht auf einer hellblau gestrichenen Tischplatte angebracht. Mittendrin schwebt ein Flugzeug, von dem Helden weit und breit nichts zu sehen. Nur die Heckflosse zieren ganz unscheinbar drei blaue Streifen auf weißem Grund.

Bo Su wagt den Blick aus der Vogelperspektive, riskiert es, den eigenen Körper in ein Verhältnis zu seiner Umwelt zu setzen und damit die Bedeutungslosigkeit desselben erkennen zu müssen. Die Antwort auf die Frage, wie nun mit dieser bitteren Einsicht umzugehen ist, liefert er dabei gleich nach. Sie lautet: mit Humor.

Ganz ohne aufdringliche Thesenbildung fordert Sultan Acar ihren Rezipienten dazu heraus, seine eigene Wahrnehmung kritisch zu hinterfragen. An den Fotorealismus angelehnte Gemälde zeigen Landschaften und urbane Motive, die sich zunächst jedem Versuch einer geografischen Zuordnung entziehen. Eine Stadtansicht erinnert entfernt an den Orient, der grauverschleierte Himmel darüber an den hohen Norden. Über den bewölkten Bodensee tuckert eine Fähre, während sich in der Glasfassade eines Gebäudes in dreifacher Brechung eine Ampel spiegelt – New York lässt grüßen.

In Wahrheit zeigt all das weder New York noch den Bodensee, sondern ein und denselben Ort: Istanbul. Nicht etwa das Istanbul aus dem Urlaubskatalog, auch nicht jenes aus dem Geschichtsbuch, sondern vielmehr eine ganz bestimmte Stadt, die sich allein dieser in Bremen geborenen und aufgewachsenen Türkin erschließt. Es ist ein seltsam mitteleuropäisches Istanbul jenseits der Klischees, eine Metropole, deren vermeintlich chaotische Struktur eine ganz eigene Systematik aufweist. Und es stellt sich der Verdacht ein, dass sich hinter dieser ordnenden Hand nichts weiter als die Kraft eines individuellen Wahrnehmungsprozesses verbirgt: die Wahrnehmung einer Persönlichkeit, die der Stadt verwandt und doch entfernt ist. Das Skandalon besteht nun darin, dass die weithin verbreiteten Klischees von Sonne, Meer und Halbmond die Möglichkeit eines objektiv „wahren“ Istanbul suggerieren. Tatsächlich ist Wahrnehmung immer abhängig vom kulturellen Kontext des Wahrnehmenden, wie Sultan Acar eindrucksvoll zeigt.

„Ja nein neue Meister“ lautet der eigenartige Titel dieser Schau. Sollte dies als Aufforderung zur Stellungnahme gemeint sein: Selbstironie und ästhetische Reflexion ja, noch mehr Bilderrahmen nein.

(Bis 22. August in der Städtischen Galerie)

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