Israel Galván bei „Tanz Bremen“

Flamenco im Labor

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Flamenco nach Lehrbuch: Israel Galván.

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Er sei „der schnellste unter den Flamenco-Legenden“, heißt es in der Vorankündigung zu Israel Galváns Auftritt im Bremer Theater am Goetheplatz. Das verspricht nichts Gutes: Bei den Geigern etwa liegt der Geschwindigkeits-Weltrekord im Spielen des „Hummelflugs“ bei David Garrett.

Geht es um Zirkus an diesem Abend oder vielleicht doch ein bisschen auch um Kunst? Galván betritt die Bühne mit Notenständer und Partitur, wendet bedächtig das Titelblatt um. Seite eins: rechter Arm holt von weit unten aus, streckt sich in die Höhe. „Don‘t stop“, ermahnt eine strenge Stimme aus dem Hintergrund. Der Oberkörper dreht sich zu einer Flamencofigur. „This one: yes!“, ruft‘s von hinten. „This one: no!“, folgt sogleich der Tadel. Tanzen nach Lehrbuch, nach Richtig und Falsch: Nein, das sieht wahrhaftig nicht nach „Hummelflug“-Gedöns aus.

Flamenco soll hier mal seiner Touristenromantik entledigt werden, des ganzen Bolero-Kitschs und Stierkampfquatschs. Galván verfrachtet ihn deshalb in ein Laborambiente, mit Notenständern und säuberlich aufgereihtem Schlagwerk, die Publikumsreihen anfangs noch hell erleuchtet. So nimmt er sich jede Figur einzeln vor, seziert sie wie ein Wissenschaftler, vollzieht sie erst langsam, dann schnell, verbindet die einzelnen Elemente, reißt sie wieder auseinander, baut sie anschließend verkehrt herum zusammen (nicht umsonst lautet der Titel „Flacomen“).

Begleitet wird er dabei von sechs Musikern, die nach und nach die Bühne bevölkern. Experimentelle Klangfolgen im Schlagwerk, schräge Einwürfe von der Violine: Tanz in Zeiten des Dekonstruktivismus, Flamenco als Aufforderung zum Zerlegen und Hinterfragen.

Doch dann schreit von irgendwo ein Vogel, das Licht leuchtet so märchenhaft blau, und in geschlossenen Bewegungen, stringenten Abfolgen kehrt die Romantik zurück – wenn auch immer gespiegelt in ironischer Subversion. In der Musik bricht jetzt Folklore durch, Varianten des Palo, mal heiter, mal melancholisch, mal in Dur, mal in Moll. Aber immer: laut.

Die Sänger steigern ihre melismatischen Tonfolgen bis hart an die Schmerzgrenze, Galván steigert sich seinerseits in seine hochexplosiven, rasanten Schrittfolgen; großer Sport, keine Frage. Die künstlerische Idee aber hat sich da längst verflüchtigt. Was uns dieser Flamenco über den schönen Schein hinaus zu sagen hat, bleibt unverständlich, und das im wahrsten Sinne des Wortes: Es wird viel gesprochen, Übertitel auf Deutsch wären da nicht die schlechteste Idee.

Galván, der durchaus schon einmal Mut zu politischem Ausdruck bewiesen hatte, beschränkt sich diesmal ganz offenkundig auf rein gattungsimmanente Fragen. Das ist zu wenig konkret, zu wenig kontrovers. Im Publikum frenetischer Jubel.

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